LOKALMIX

Mit schlechter Ausgangsposition gut umgegangen

lw; 16.09.2021, 11:55 Uhr
Symbolfoto: Thomas G. auf Pixabay --- Die Wissenschaftler loben unter anderem die Teststrategie des Gesundheitsamts.
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Mit schlechter Ausgangsposition gut umgegangen

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lw; 16.09.2021, 11:55 Uhr
Oberberg – Zwischenbericht zum Gutachten des Hygieneinstituts der Uniklinik Bonn über das Infektionsgeschehen im Kreis – Sozial benachteiligte Menschen müssen besser geschützt werden.

Von Lars Weber

 

Es sind Fragen, die viele Oberberger im Laufe der andauernden Pandemie umtreiben, wenn sie sich die Zahlen aus ihrem Kreis anschauen: „Warum gibt es hier so viele Fälle mehr als woanders?“ „Warum ist die Inzidenz so hoch?“ „Was macht das Gesundheitsamt falsch?“ Selbstkritisch würde sich letztgenannte Einrichtung genau dieselben Fragen stellen, hat gestern bei der Gesundheitsausschusssitzung des Kreises die Leiterin des Gesundheitsamts, Kaija Elvermann, betont. Aus diesem Grund hatte der Kreis beim Hygieneinstitut der Uniklinik Bonn ein Gutachten angefordert, um das Infektionsgeschehen in Oberberg zu analysieren und aus den Ergebnissen Rückschlüsse zu ziehen (OA berichtete). Dazu wurden bislang rund 14.500 Fälle von Februar 2020 bis Sommer 2021 unter die Lupe genommen. Bei der gestrigen Sitzung gab Institutsleiter Prof. Dr. Nico Mutters einen weiteren Zwischenbericht. Die Erkenntnisse.

 

Räumliche Verteilung

 

Im Laufe der Pandemie waren die Städte und Kommunen im Kreis ganz unterschiedlich betroffen. Allerdings hat Dr. Mutters und sein Team eine Bewegung feststellen können. So habe es in der ersten Welle verstärkt Infektionen im Nord-Osten des Kreises gegeben, in den folgenden Wellen seien die Schwerpunkte Richtung Südosten gewandert. Neben einer Verbindung zu sozial stärkeren beziehungsweise sozial schwächeren Gemeinden (siehe Sozio-demographische Situation) erhoffen sich die Wissenschaftler Erkenntnisse zu dieser Bewegung, sobald sie unter anderem die Infektionsketten weiter aufbereitet haben. Zum Beispiel möchten sie den sogenannten Superspreadern ein Profil geben und herausfinden, was eine Person genau zum Superspreader macht.

 

Sozio-demographische Situation

 

Tatsächlich habe es vor allem in der ersten Welle eine Häufung von Infektionen in sozial stärkeren Gemeinden gegeben, so Dr. Mutters. Das liege auch an der Art und Weise, wie das Virus den Weg nach Deutschland fand: zum einen durch Geschäftsreisende, zum anderen spielten auch die Ski-Partys in Ischgl eine Rolle. Beides Dinge, die einkommensschwächeren Menschen eher verwehrt blieben. Einmal aber in der Gesellschaft angekommen, verbreitete sich das Virus in den folgenden Wellen stets eher in sozial schwächeren Gemeinden.

 

Die Wissenschaftler setzten dabei die Bevölkerungsstruktur des gesamten Kreises auch in Zusammenhang mit der Struktur anderer NRW-Landkreise. Dazu zogen sie den Deprivationsindex heran, der anzeigt, wie sozial benachteiligt eine Gemeinde ist. Das Ergebnis: Der Oberbergische Kreis hat viele von sozialer Benachteiligung betroffene Regionen aufzuweisen. Dort sei das Risiko für eine Verbreitung von Infektionskrankheiten generell hoch. „Der Kreis hatte also vor der Pandemie eine schlechte Startsituation“, fasste Dr. Mutters zusammen.

 

Urteil über Maßnahmen des Gesundheitsamts

 

Der Kreis habe aufgrund dieser Ausgangssituation mehr tun müssen als

andere, um zu versuchen, die Pandemie zu kontrollieren. Dass dies unter dem Strich bisher gut funktioniert habe, zeigten die Zahlen der schweren Verläufe. Diese seien laut Dr. Mutters trotz der hohen Fallzahlen unterdurchschnittlich. Gleiches gelte für die Anzahl der Todesfälle. Es gebe auch Kreise, in denen die Statistik genau andersrum ausschlägt. Gerade der Teststrategie des Gesundheitsamts und dem langen Atem bei der Kontaktnachverfolgung stellte der Wissenschaftler ein gutes Zeugnis aus. „Sie haben dort erfolgreich viel Energie reingesteckt. Je mehr getestet wurde, desto geringer die Dunkelziffer.“ Dies habe zum Beispiel dazu geführt, dass Ausbrüche in Siedlungsblöcken in weniger als einem Monat kontrolliert werden konnten.

 

Weitere Handlungsempfehlung

 

Die sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen, gerade in großen Siedlungsblöcken, müssen besser geschützt werden. Dazu sei es wichtig, die richtige Ansprache zu finden und dadurch die Motivation zu stärken. Gerade sprachliche Barrieren müssten dabei häufig überwunden werden. Um beispielsweise das Impfmobil, das auch nach der Schließung des Impfzentrums Ende des Monats im Kreis unterwegs sein wird, an Standorte zu schicken, wo noch viele Ungeimpfte sind, könne der Kreis vermehrt das Gespräch mit Sozialarbeitern und Streetworkern suchen. „Das Impfen ist die schärfste Waffe, um Infektionen einzudämmen“, so Dr. Mutters. Obwohl eine positive Herangehensweise die beste Strategie sei, wären auch Restriktionen für „Präventionsverweigerer“ denkbar. „In anderen Ländern kam man so zum Erfolg.“

 

Die Arbeit der Wissenschaftler ist noch nicht abgeschlossen. In der weiteren Analyse werde beispielsweise die vierte Welle ausgewertet.

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