GUMMERSBACH

„Erzähl mal“ mit Innensichten aus dem Musikbetrieb

us; 16.01.2026, 13:14 Uhr
Foto: Ute Sommer --- Von Martin Kuchejda und Bastian Ganser (3.u.1.v.li.) zum Plaudern gebracht erzählten Peter Sommer (v.li.), Ernie Wirth und Winfried Bode aus den Nähkästchen ihrer Leben als Musikkünstler. 
GUMMERSBACH

„Erzähl mal“ mit Innensichten aus dem Musikbetrieb

us; 16.01.2026, 13:14 Uhr
Gummersbach - Im neuen Talkformat „Erzähl mal“ in der Halle 32 kommen Menschen aus der Region zu Wort, die das gesellschaftliche Zusammenleben aus dem Hintergrund heraus bereichern und prägen.

Von Ute Sommer

 

Wer sind die „Hintergrund-Helden“ unserer Gesellschaft? Wie ticken sie? Was treibt sie an? Jede Menges spannender Fragen, denen die Gummersbacher Kulturschaffenden Martin Kuchejda (Autor), Peter Sommer (Rockpalast-Macher) und Bastian Ganser (Leiter Halle 32) mit der neuen Veranstaltungsreihe „Erzähl mal“ auf den Grund gehen werden. Beim gestrigen Auftakt auf der Studiobühne der Halle 32 präsentierten der international tätige Musikproduzent Dieter Dierks, der Gummersbacher Kultmusiker Ernie Wirth sowie der musikalische Überlebenskünstler Winfried Bode authentische Einblicke in ihre Lebenswirklichkeit und die Realität des Musikbetriebes, dem der Mythos des „Sex, Drugs and Rock´n Roll“ anhängt wie das sprichwörtliche Kaugummi unter der Schuhsohle.

 

Erfrischend unverstellt und locker plauderten die Musikveteranen in einer Erinnerungs-Zeitreise über persönliche Zugänge zur universalen Klangwelt, über die Schwerpunkte ihres künstlerischen Schaffens, über Erfolge, Scheitern und die zunehmende Digitalisierung der musikalischen Zukunft. Laut Selbstdarstellung „eher klein und schüchtern“ eröffnete dem, 1948 in Köln geborenen Winfried Bode, die Zugehörigkeit zur Band „The Gang“ den Zugang zur künstlerischen Kreativität und erhöhte seine Chancen bei „Mädchen zu landen“ um ein Vielfaches. Doch das wirklich „wilde“ Leben mit Haschisch und Groupies habe er allenfalls als Zuschauer seiner Bandkollegen erlebt, „ich habe, höchstens passiv bekifft, die Gage für den Auftritt einkassiert“.

 

Für den Teenager Ernie Wirths geriet der Bob-Dylan-Song „Mr. Tambourine Man“, vom Piratensender „Radio Veronika“ an der niederländischen Strandbar gesendet, zum musikalischen Erweckungsmoment, der seine Leidenschaft für die Musik bis heute prägt. Als Beamtensohn sei es ihm aber im Berufsleben stets auf finanzielle Absicherung angekommen. Ein einziges Mal nur sei diese seine Entscheidung ins Wanken geraten, als ihm WDR-Radio-Urgestein Mal Sondock das Versprechen gegeben habe, ihn mit einer Komposition berühmt zu machen. Mehrfach allerdings habe der Radiomoderator Änderungswünsche vorgetragen, so dass Wirth eine „feindliche Übernahme“ befürchtete und das Projekt stoppte. „Jetzt im Ruhestand bin ich froh, dass ich mich der Musik ungehindert widmen kann“.

 

Ebenfalls vom Piratensender „Radio Caroline“ ließ sich der 1943 in Stommeln bei Köln geborene Produzent, Verleger und Musiker Dieter Dierks inspirieren. Er begann als Gitarrenautodidakt und schraubte nebenbei an kostengünstiger Tontechnik. Bereits 1971 verfügte der experimentierfreudige Tüftler mit dem „Studio 1“ über eine hochmoderne Aufnahmelocation. Im Laufe der Jahre erweiterte und optimierte der Kreative seinen Pulheimer Produktions-Standort sukzessive mit „State-of-the-Art“- Technologie, von der international bekannte Bands wie die Scorpions, Twisted Sister oder Tangerine Dream profitierten. Klar hätten Teile der Musikszene früher Drogen und Alkohol konsumiert, doch heute sei die Produktion von Musik ein hochprofessionelles, zeitaufwändiges und knallhartes Handwerk, das keinen Raum für Dilettantismus lasse.

 

„Tonträger sind out, das Mega-Geschäft ist Streaming oder Live-Konzerte“, analysierte der Produktions-Profi, der derzeit zusammen mit einer chinesischen Pianistin daran feilt, einen KI-generierten Song zu „humanisieren“. In seine kauzigen Anekdoten von dreiwöchigen Tonaufnahmen, die 1973 in den Berliner Hansa-Studios stattfanden, flocht „Direktmusiker“ Winfried Bode Episoden mit Haifischflossensuppe im Kempinski und Fotoshootings samt Goldener Schallplatten ein. „Die Produktion versandete, der Musikverleger landete im Gefängnis“, resümierte er lakonisch. Es seien oft bloße Zufälle, die über eine Karriere im Musikbusiness entscheidend seien.

 

Für ein Leben als Prominenter sei er sowieso nicht gemacht, heute reichten ihm regelmäßige Konzertlesungen im kleinen Rahmen. „Ich existiere ausschließlich analog und freue mich über jeden, der mir zuhört“. 1957 im Gummersbach geboren, leitete Peter Sommer ab 2003 die WDR-Redaktion „Rockpalast“ und machte erste Gitarren-Gehversuche nach der Klassenfahrt ins Sauerland, wo zum Flaschendrehen LPs vom Plattenspieler dudelten. „Im Beruf habe ich Musik ins Bild gesetzt, hatte selbst keine Zeit zum Musizieren. Heute nehme er wieder Gitarrenunterricht und arbeitet an einer Filmdokumentation über Dieter Dierks. 

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