GUMMERSBACH

Nie wieder darf das Böse zur Routine werden

kp; 02.10.2026, 12:20 Uhr
Fotos: Katja Pohl --- Auf Einladung der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Derschlag sprach Pastor Kai Höss (Mi.) über seine Familiengeschichte. Die Gemeindeleiter, Matthias Hornischer (li.) und Thomas Brück (re.) freute sich über viele Zuhörende.
GUMMERSBACH

Nie wieder darf das Böse zur Routine werden

kp; 02.10.2026, 12:20 Uhr
Gummersbach – Pastor Kai Höss sprach in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Derschlag über seine Familiengeschichte und über Nächstenliebe.

Von Katja Pohl

 

Natürlich kennen wir alle die grauenvollen Bilder aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Und natürlich wissen wir um die Geschichte dieses Ortes, an dem mehr als eine Million Menschen qualvoll und voller Angst starben. Doch wenn Kai Uwe Höss von diesem grauenhaften Stück deutscher Geschichte, von der „Endlösung der Judenfrage“ spricht, bekommt die Bedrückung noch einmal eine ganz andere Dimension. Der Pastor und Mitbegründer der Bible Church of Stuttgart ist der Enkel von Rudolf Höß, der ab Anfang der 1940er Jahre bis Sommer 1944 Kommandant von Auschwitz war und damit zum, wie der Enkel es ausdrückt „größten Massenmörder aller Zeiten“ wurde.

 

Mit seiner eigenen Lebensgeschichte, der Geschichte seiner Familie und einem eindringlichen Appell zu Nächstenliebe, Dialog und Aufklärung war Kai Uwe Höss nun zu Gast in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Derschlag. Unter dem Titel „Nie wieder ist jetzt – vom Erbe von Auschwitz zu Botschaft der Versöhnung“ blickte der 64-Jährige auf den Werdegang des Großvaters zurück, aber auch darauf, was dessen blinder Befehlsgehorsam mit seiner Familie gemacht hat. Gekommen waren viele Zuhörerinnen und Zuhörer, die am Ende des Abends sichtlich mitgenommen wirkten.

 

Trotz der Bekanntheit seines Großvaters habe er selbst erst in der 7. Klasse im Geschichtsunterricht der Schule von dessen Gräueltaten erfahren, erzählt Höss. „In unserer Familie war eine große Scham, ein undurchdringliches Schweigen unter der Prämisse ,das alles ist vergangen‘.“ Nachdem er wusste, welchen Hintergrund seine Familie hat, habe er nicht mehr zur Schule gehen wollen, doch es habe ihn nie jemand auf seine Verbindung zu Rudolf Höß angesprochen. Aber er begann, sich mit dieser Verbindung zu beschäftigten, fragte sich, wie er mit diesem Wissen umgeht, was für ein Herz Rudolf Höß gehabt haben mag. „Jeder will doch eine Familie – aber diese Familie hätte ich mir nicht ausgesucht. Auschwitz kann niemals ungeschehen gemacht werden. Doch ich kann entscheiden, was ich mit meiner eigenen Zukunft mache.“

 

Nach Ausbildung und Studium machte Kai Höss Karriere als internationaler Hotelmanager, schrieb seinen Namen mit zwei „ss“ und nicht mehr wie sein Großvater Rudolf Höß. Er fand zum Glauben, begann weltweit für Versöhnung zu werben. Kai Höss spricht zu Schülerinnen und Schülern, suchte den Kontakt zu Holocaust-Überlebenden und besuchte mit seinem Vater Hans-Jürgen Höß Auschwitz. Diese Momente sind im Dokumentarfilm von 2024 „Der Schatten des Kommandanten“, der in Ausschnitten zu sehen war, festgehalten.

 

 

Kai Höss gibt zu, sein Großvater habe zwei Seiten in sich getragen, eine Tatsache, die Hans-Jürgen Höß im Film bestätigt. „Er war zuhause der zugewandte Vater von fünf Kindern, im Konzentrationslager aber der Mann, der empathielos, ohne zu hinterfragen, auch ohne Verantwortung zu übernehmen, als Befehlsempfänger einen organisierten Massenmord durchführte.“ Da sei diese reale Mauer gewesen, die zwischen der Heile-Welt-Dienstvilla und dem Horror des Massenmordes stand, die auch Hans-Jürgen zunächst vor der Realität bewahrte.

 

Dessen Sohn Kai Höss plädiert heute dafür, nicht wegzuschauen, nicht zu schweigen, wenn es um Rassismus oder religiösen Fanatismus jeglicher Ausprägung gehe. „Bei allen Unterschieden sehnen sich doch alle Menschen nach Liebe, Geborgenheit, Hoffnung. Das müssen wir leben.“ Seine Vorträge seien bewusst unpolitisch gehalten, er wolle die christliche Botschaft von Nächstenliebe transportieren, dazu einladen, ins Gespräch zu kommen.

 

Auf die Frage aus dem Publikum, wie die deutsche Geschichte jungen Menschen vermittelt werden könnte, sagte der Vater von vier Kindern, Eltern müssten sich Zeit nehmen, erklären, was geschehen ist und Fragen beantworten. „Aber nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Wir müssen die Menschen berühren, damit sie verstehen, dass es nie wieder passieren darf, dass ein System moralische Grenzen derart massiv verschiebt, das Böse zur Routine werden kann.“

 

Am heutigen Freitag, 2. Oktober, findet um 19 Uhr in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Eduard-Scheve-Straße 4 in Derschlag) ein Gottesdienst zum Thema „Vom Schatten von Auschwitz ins Licht der Gnade“ mit Pastor Kai Höss statt.

 

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