GUMMERSBACH

Soziale Schieflage: Bedarf an Kinder- und Jugendhilfe steigt in Gummersbach weiter rasant

pn; 23.06.2026, 17:00 Uhr
Symbolfoto: KI mit Google Gemini erstellt ---- Immer mehr Kinder in der Kreisstadt müssen aus ihren Familien herausgenommen werden.
GUMMERSBACH

Soziale Schieflage: Bedarf an Kinder- und Jugendhilfe steigt in Gummersbach weiter rasant

pn; 23.06.2026, 17:00 Uhr
Gummersbach – CDU und SPD stellen Antrag für eigene Unterbringung für Kinder und Jugendliche in der Kreisstadt.

Von Peter Notbohm

 

Immer mehr junge Menschen in Gummersbach können nicht mehr in ihrer eigenen Familie leben, sind auf ambulante oder stationäre Hilfen angewiesen oder müssen in Inobhutnahme. Das geht aus den Zahlen hervor, die nun im Gummersbacher Jugendhilfeausschuss veröffentlicht wurden. Die Fallzahlen steigen laut Fachbereichsleiterin Sarah Hedfeld seit 2023 kontinuierlich an und eine Verringerung sei in den kommenden Jahren nicht zu erwarten.

 

Allein die Zahlen bei der ambulanten Eingliederungshilfe haben sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdreifacht. Auch die Inobhutnahme-Fälle in Pflegestellen oder Einrichtungen hat sich in den vergangenen zwölf Monaten beinahe verdoppelt. Im Bereich der stationären Hilfen gibt es aktuell 128 Fälle in Gummersbach, in denen junge Menschen untergebracht werden müssen. Hedfeld rechnete vor, dass bei den teilstationären Hilfen ein Fall den Steuerzahler monatlich im Schnitt 5.900 Euro kostet.

 

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Bei den Inobhutnahme-Fällen rechne man mit Tagessätzen zwischen 200 (Pflegeeltern) und 500 Euro (Einrichtungen). Man versuche jedes Kind passend unterzubringen, das werde aber zunehmend schwieriger, berichtete Hefeld. Erst Anfang des Jahres musste die Stadtpolitik beim Haushalt nachjustieren und den Etat für Leistungen im Bereich der stationären Jugendhilfe von acht auf neun Millionen Euro erhöhen (OA berichtete).

 

Einen besonders krassen Fall stellten Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes in anonymisierter Form vor. Sie berichteten der Politik im Ausschuss detailliert von einem mittlerweile 14-jährigen Mädchen, das seit ihrem dritten Lebensjahr immer wieder untergebracht werden muss. Schon als Kind habe das Mädchen „den Rahmen massiv gesprengt“: Sie habe gestohlen, andere Kinder belästigt und regelmäßig fremdgefährdend gehandelt. Seit ihrem 13. Lebensjahr werde das Mädchen bundesweit von Inobhutnahme zu Inobhutnahme weitergereicht (20 Stellen in vier Monaten), wurde teilweise auch schon in die geschlossene Jugendpsychiatrie eingewiesen und medikamentös eingestellt.

 

Da in Deutschland mittlerweile nahezu alle Einrichtungen eine Aufnahme der Jugendlichen verweigern, wird nun erwogen, die 14-Jährige in Albanien in einer traumapädagogischen Wohngruppe unterzubringen, wo eine sogenannte Eins-zu-Eins-Arbeit (ein Betreuer für ein Kind) möglich ist. In Gummersbach müssten sich Sozialarbeiter hingegen um bis zu 30 Fälle gleichzeitig kümmern.

 

Um den aktuellen Fallzahlen entgegenzutreten, haben nun CDU und SPD einen gemeinsamen Antrag eingebracht, eine kommunale stationäre Einrichtung zur Unterbringung von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Dabei handelt es sich um einen ergebnisoffenen Prüfantrag, in dem die Verwaltung aufgefordert wird, in Abstimmung mit dem Gummersbacher Jugendamt die entsprechenden Voraussetzungen zu prüfen. Dabei soll auch im Blick behalten werden, ob es mögliche Synergieeffekte im Rahmen der interkommunalen Zusammenarbeit geben könnte.

 

Marion Fuhr (SPD) nannte den Antrag angesichts der Fallzahlen und des Beispiels des jungen Mädchens selbsterklärend. Auch Rainer Sülzer (CDU) betonte die Dringlichkeit der Maßnahme. Seiner Fraktion gehe es darum, „unser System zu optimieren“. Die „exorbitanten Steigerungen im Haushalt“ würden zeigen, dass dringend etwas unternommen werden müsse.

 

Auch von Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit (CDU) wurde der Vorstoß seitens der Verwaltung unterstützt – auch weil man im Rathaus sich schon länger mit dem Thema beschäftige. Er erinnerte daran, dass es vom Kreis vor längerem Anregungen gegeben habe, dass das Kreisjugendamt mit den vier Jugendamtskommunen eine solche Einrichtungen betreiben könnte.

 

Dies sei aus Sicht der Verwaltung aber kein „sinnhafter Weg“. In Zusammenarbeit mit anderen Kommunen oder ein städtischer Alleingang wären aber „vorstellbar“. Hierfür müssten von Personal, über Qualität und Immobilie aber mehrere Kriterien erfüllt sein. „Das Thema wird nicht verschleppt, aber es hat Gründe, warum wir schon eine ganze Weile darüber sprechen, aber noch keine Erfolgsmeldung haben“, so das Stadtoberhaupt.

 

Karl-Manfred Valentin (AfD) erinnerte daran, dass seine Fraktion schon in den Haushaltsreden die Notwendigkeit eines Jugendaufnahmezentrums hervorgehoben habe und begrüßte das Ansinnen von CDU und SPD. Die AfD sei schon vor einiger Zeit mit dem Vorschlag an den Bürgermeister herangetreten, die leerstehende Theodor-Heuss-Akademie zu erwerben und umzubauen. Das sei aufgrund der Größe des Objekts aber abgelehnt worden. Auf Alternativvorschläge habe man hingegen keine Antwort bekommen.

 

Der Antrag von Union und Sozialdemokraten wurden anschließend einstimmig an den Stadtrat empfohlen.

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