Bilder: privat/Marie Albrecht --- Marie mit einer Mona-Meerkatze beim Bananenfrühstück.
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Auf in den Norden Ghanas - ein kleiner Reisebericht
Gummersbach - Die Gummersbacherin Marie Albrecht absolviert einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst an einer Schule in Ghana und schildert auf OA ihre Erlebnisse und Erfahrungen.
Liebe Leser,vor einem Monat machte ich mich mit meinen Freundinnen auf unsere große Nordentour. Seit fast zwei Wochen bin ich wieder da und stehe nun vor einem großem Problem: Wie ist es möglich, fünfzehn Tage voll von Abenteuern, neuen Eindrücken, lehrreichen Erfahrungen, Anstrengungen und Spaß in einem Artikel zusammenzufassen? Gar nicht. Und doch möchte ich versuchen, Ihnen einen kleine, zwangsweise eng umfassende Idee von dem zu geben, was wir sieben Mädchen im Rahmen unserer Reise erleben und vor allem fühlen durften: Eine Mischung aus Dankbarkeit, vollkommener Überwältigung und ein wenig Freiheit.
Am 20. April machte ich mich mit zwei Mitfreiwilligen auf nach Kumasi, ehemaliges Handelszentrum Ghanas und immer noch Heimat des größten westafrikanischen Marktes. Ein riesiger Komplex, der sich über mehrere Straßen erstreckt und indem sich Tisch an Tisch, Container an Container und Unterstand an Unterstand reiht. Verirren und verlaufen: wahrscheinlich. Komplette Abarbeitung innerhalb eines Tages: unmöglich.

[Bunte Stoffe auf dem Markt.]
Wir werden übermannt von einer unglaublichen Pracht an Farben und Geräuschen: Über mehrere Kilometer erstrecken sich bunt gemusterte Stoffe, Unmengen an Fisch, Fleisch, Gemüse und riesige Haufen von Altkleidern. Von den Turnschuhen bis zu diversen Utensilien für Fetisch-Priester, alles scheint vorhanden zu sein. Zwischen drin immer wieder Wasserverkäuferinnen (Puuure water! Yeees puuure!) und andere Händler, die lautstark ihre Waren anpreisen (t-shirt, one cedi, one cedi!). Vollkommene Reizüberflutung unsererseits. Die wohl interessantesten Entdeckungen: Ein Stand voll mit alten Münzen und Knochen, ausgestopften Krokodilköpfen und eingelegten Chamäleons sowie eine Schmuckverkäuferin, die sich sehr über unsere angeregten Diskussionen über ihre Hakenkreuzkette freut und dann nicht begreifen kann, warum wir sie doch nicht kaufen wollen. Mein größtes Schnäppchen: Ein fast neues Halstuch für 30 Pesewas circa 12 Cent.

[Der Markt in Kumasi.]
Von Kumasi aus geht es weiter nach Tamale, der größten Stadt im Norden Ghanas. Offizielle Fahrtzeit: fünf bis sechs Stunden. Leider geht zwischendurch unser Reisebus kaputt. Wir halten in einem kleinen Dorf, bestehend aus einigen Rundhütten und einer Moschee, fließend Wasser oder Strom nicht vorhanden. Kinder schauen uns aus sicherer Entfernung halb neugierig, halb ängstlich an. Es wird kein Fante oder Twi mehr gesprochen, ich verstehe kein Wort und fühle mich seit langem wieder vollkommen überfordert und fremd. Schließlich werden wir von einer älteren Frau zum Abendgebet in die Moschee eingeladen, müssen aber leider ablehnen: Die Fahrt geht weiter. Der Bus lässt sich nicht reparieren, also wird die Reise so fortgesetzt, mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von nur noch 50km/h. Statt um 18 Uhr erreichen wir Tamale um 21 Uhr. Erschöpft kaufen wir an einem Straßenstand etwas Reis zum Abendessen und freunden uns ein bisschen mit der Köchin an. Sie ruft einen Freund an, der mit dem Auto vorbeikommt und uns kostenlos zu unserem Hotel fährt ein von tiefstem Herzen kommendes Hoch auf die ghanaische Gastfreundlichkeit!

[Die sieben Mädchen an der Grenze zu Burkina Faso.]
Wir treffen die anderen vier Mädchen unserer Reisegruppe und brechen am nächsten Morgen nach Larabanga auf. Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch steige ich ins Tro-Tro ein. Die Straße nach Larabanga ist unbefestigt, von Schlaglöchern übersät und führt meistens mitten durchs Niemandsland. Da viele Touristen auf dieser Strecke unterwegs sind, hört man immer wieder von Überfällen: Dabei warten die Räuber am Straßenrand im Gebüsch und schießen dem vorbeikommendem Bus in die Reifen oder zwingen ihn anderweitig dazu, anzuhalten. Unter vorgehaltener Waffe muss jeder aussteigen und wird nach Wertsachen durchsucht, während aus dem Auto die Handtaschen geholt werden. Dann flüchten die Räuber. Da auf der Straße nicht viel los ist, bleiben sie dabei relativ ungestört. Wie den meisten Reisenden, passiert auch uns nichts und so soll es glücklicherweise auch die gesamte restliche Reise über bleiben. Ghana ist und bleibt ein sicheres Land.

[Die Moschee in Larabanga.]
Nachmittags erreichen wir Larabanga und beziehen unsere Zimmer im Guesthouse, das aus bunt angemalten Rundhütten und Freiluftduschen besteht. Wir werden mehr als herzlich begrüßt und später durch den Ort geführt: Wir sehen die alte Moschee (UNESCO-Kulturerbe), welche aus dem 15. Jahrhundert stammen soll (darüber sind Experten sich jedoch uneinig) und sich angeblich selbst erbaut hat der erste dort lebende Imam hat Stöcke in den Boden gesteckt, um zu überprüfen, ob das Gebäude tatsächlich höher wird. Ob man es nun glaubt oder nicht das älteste Gebäude Ghanas ist sie unumstritten. Im Gegensatz zum christlichen Süden sind im Norden Ghanas fast alle Bürger Moslems. In vielen der kleinen Dörfer leben Männer mit zahlreichen Ehefrauen, wobei jede eine eigene Hütte bekommt, alle Hütten im Kreis errichtet und schließlich mit einer Lehmmauer verbunden werden.

[Ein Kindheitstraum wird wahr: Marie sieht einen Elefanten in freier Wildbahn.]
Am nächsten Morgen werden wir zum Mole National Park gefahren, der größten Touristenattraktion Ghanas. Auf diesem riesigen Savannengebiet leben unzählige Antilopen, Warzenschweine und rund 400 Elefanten. Wir gehen zu Fuß auf Safari und erleben eine riesige Überraschung: Der erste Elefant lässt sich schon nach rund 500 Metern blicken, er steht direkt neben den Wohnhäusern der Angestellten und frühstückt gemütlich. Ich bin vollkommen fasziniert. Seitdem ich denken kann sind Elefanten meine Lieblingstiere und in diesem Moment geht für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung: Ich sehe endlich Elefanten in freier Wildbahn und ich beschließe feierlich, nie wieder in einen Zoo zu gehen. Diese wunderschönen Tiere scheinen ganz genau hierhin zu gehören und nirgendwo anders. Am Wasserloch angekommen sehen wir sechs Bullen, die sich mit Schlamm einspritzen, im Dreck suhlen und sogar Baden gehen. Wir sind aufgekratzt und berührt zugleich.
Um 4 Uhr in der Früh brechen wir mit dem Bus zurück nach Tamale auf, wo wir direkt in ein Tro-Tro Richtung Norden umsteigen. Am Nachmittag erreichen wir Bolgatanga, von den Einwohnern nur liebevoll Bolga genannt, die Haupstadt der Upper-East-Region. Wir beschließen, dort drei Nächte zu bleiben. Wir alle entdecken unzählige rote Stiche an unseren Körpern, die schon bald furchtbar anfangen zu jucken. Offenbar wurden wir in Larabanga von Bettwanzen oder ähnlichem befallen. Wir geben all unsere Kleider zum Waschen und kratzen uns derweil die Haut ab. Ich hasse Bettwanzen! und es juckt!!! werden zu den wohl meist gesagten Sätzen der Reise.

[Ein Hinterhof in Larabanga.]
Von Bolga aus begeben wir uns mit zwei Reiseführern auf einen Tagestrip in Richtung Norden. Wir bereisen diverse kleine Dörfer, Frauen zeigen uns, wie sie ihre Häuser verputzen und wie man das Lokalgetränk braut und wir bekommen sogar einen kleinen Einblick in eine Beerdigung. Die Landschaft wird flach, kahl und steinig und immer wieder passieren wir kunstvoll bemalte Häuser. Wir besichtigen ein ehemaliges Sklavencamp und einen Teich voll mit Krokodilen und erreichen schließlich die Grenze zu Burkina Faso (aber erst nach einer ausführlichen Fußball-Diskussion mit dem ghanaischen Grenzbeamten). Am nächsten Tag kaufen wir ein paar Souvenirs auf dem Kunstmarkt (handgemachte Echtledertaschen für umgerechnet 8,50) und schauen uns die Stadt an, während die Sonne uns langsam aber sicher verbrennt und das obwohl die Regenzeit schon begonnen hat. Von anderen Freiwilligen, die während der Trockenzeit und der Hamattan-Wüstenwinde in den Norden Ghanas gereist sind, haben wir immer wieder gehört, dass sie mit blutenden Nasen und aufgeplatzten Lippen zurückgekommen sind. Der Beginn der Sahel-Zone lässt grüßen.
Zum dritten Mal landen wir in Tamale, dem Hauptverkehrsknotenpunkt im Norden. Vier meiner Freundinnen machen sich gleich am nächsten Morgen auf den Rückweg. Ich beschließe mit zwei anderen, zwei Tage später über die Volta-Region zurückzureisen. Endlich haben wir Zeit, in Tamale nicht nur umzusteigen, sondern uns auch mal ein bisschen umzusehen. Wir entdecken den Kunstmarkt und legen uns (die Initiative ging definitiv von ihm aus) spaßeshalber mit einem Rastafara an, dem wir schließlich das Mofa klauen, nach fünf Minuten aber zurückbringen. Damit hat er nicht gerechnet! Er ist ein bisschen stinkig, beschließt aber abends, lieber beeindruckt zu sein und kommt sogar zum Hotel, um mir meine Postkarten vorbeizubringen, die ich in einem anderen Laden habe liegen lassen. Ein erneutes Dankeschön an die ghanaische Hilfsbereitschaft!
Mittlerweile sind zehn Tage seit unserem Aufbruch vergangen und wir sitzen im Tro-Tro nach Bimbilla. Es fährt einmal am Tag und soll zwischen 10 und 11 Uhr losfahren. Mittlerweile ist es 12 Uhr und es ist immer noch nur halb voll. Unmengen an Eiern und Spritzpestiziden werden auf das Dach geladen. Als wir um 14 Uhr endlich loskommen, ist die Lademenge auf dem Dach so groß, dass die Decke geschätzte 40 Zentimeter durchhängt. Bei jedem Schlagloch wackelt das Dach über uns gefährlich auf und ab und macht dazu besorgniserregende Geräusche. Nicht nur wir, nein, auch die Ghanaer, schauen immer wieder besorgt nach oben. Wieder sind mehr als 50km/h nicht drin. Gegen 20:30 Uhr erreichen wir endlich Bimbilla. An eine Weiterreise ist nicht zu denken, einen Schlafplatz haben wir nicht. Alle Hotels und Herbergen sind voll. Trotzdem machen wir uns keine Sorgen, wir wissen, wir sind in Ghana und jeder wird irgendwo untergebracht werden. Kein Gast wird auf der Straße gelassen.
Nachdem kurz überlegt wurde, uns in der Küche eines Restaurants schlafen zu lassen, bot sich ein Mann schließlich an, sein Dreierzimmer zu räumen und im Büro zu schlafen. Dankbar nehmen wir an und erkennen, was wirklich wichtig im Leben ist: Ein Dach über dem Kopf, ein Bett, eine Dusche und ein Abendessen. Mehr Luxus kann es für uns in diesem Moment nicht geben.

[Die Wli-Wasserfälle.]
Am nächsten Morgen warten wir erneut zwei Stunden an der Station, bis man uns schließlich in ein schnelles Tro-Tro nach Accra setzt. Halb erfroren (im Auto gab es eine Klimaanlage!) werden wir über diverse Lehmpisten und Schlaglöcher herumkutschiert. Um die Mittagszeit steigen wir vorzeitig in Hohoe aus und reisen direkt weiter nach Wli, dem letzten Ort vor der togolesischen Grenze. Hier unternehmen wir eine halbtägige Wanderung zum obersten Plateau des Wli-Wasserfalls mit etwa 400 Metern der höchste Wasserfall Westafrikas. Der Pfad führt steil bergauf, durch dichten Wald und ist sehr mühsam. Noch nie in meinem Leben habe ich so geschwitzt, doch wir werden belohnt: Auf dem Plateau angekommen können wir baden und uns unter den Wasserfall stellen, das Wasser ist so unglaublich kalt, dass wir vom Schweiß schnell zur Gänsehaut wechseln.
Abends gehen wir deutsch Essen, zum ersten Mal seit acht Monaten habe ich wieder Kartoffeln vor mir liegen, garniert von Spinat und einem Spiegelei. Begeistert stürze ich mich drauf und werde schnell enttäuscht: Es wurde kaum gewürzt und alles schmeckt irgendwie fad. Ziemlich ghanaisch greife ich also erst mal nach dem Pfeffer und würze ordentlich nach. Der Beweis, dass ich mich zu 100 Prozent an die Küche und ihr Schärfegrad hier gewohnt habe.
Von Wli aus brechen wir zu unserer vorletzten Station auf, dem Monkey Sanctuary in Tafi-Atome. Wir erleben ein kleines Dorf, welches vollkommen auf den Tourismus eingestellt ist. Man kann in Privathäusern übernachten und wird dort bewirtschaftet. Zusammen mit einer Reiseleiterin dürfen wir am Morgen darauf die Affen mit Bananen füttern. Manchmal springen sie hoch und reißen einem die Banane aus der Hand, oft lassen sie sich aber auch auf unseren Armen nieder und frühstücken dort. Seitdem mir vor Ewigkeiten mal ein Affe im Affen- und Vogelpark Eckenhagen das Popcorn geklaut hat, mag ich Affen nicht. Doch als sich ein Muttertier auf meinem Arm niederlässt und ihr Baby mich von ihren Bauch hinweg interessiert anstarrt, ändere ich meine Meinung.
Nachdem wir noch eine Nacht in Krobo Odumase verbachten und in der Cedi Beads Factory lernten, wie die traditionellen Glasperlen Ghanas hergestellt werden (wir machen sogar selber welche), treten wir am fünften Mai schließlich den Heimweg an. Ich habe gemischte Gefühle: Einerseits freue ich mich auf Agona Swedru, meine Familie, Schüler und Freunde, weiß aber auch, dass ich erneut ein großes Stück Unabhängigkeit abgeben muss. Ab heute hat Maame Rosemary wieder das letzte Wort.
Doch sobald sich meine kleine Schwester auf mich stürzt und all meine Freunde und Nachbarn anrufen, um mich wieder zu treffen, bin ich mehr als glücklich, wieder daheim zu sein. Reisen ist schön, nachhause kommen fast noch schöner. Mittlerweile hat sich der Alltag wieder eingeschlichen, ich arbeite wieder und alles geht seinen gewohnten Gang. Doch wenn ich mir die Fotos anschaue, stehe ich wieder im Mole National Park vor einem Elefanten, rede mit einem kleinen Mädchen an der Grenze zu Burkina Faso auf Französisch und schwitze mich in Wli die Berge hoch. Mein Bild von Ghana hat sich vorher auf Palmen und Küstenstädte bezogen. Nun weiß ich, wie abwechslungsreich dieses kleine Land wirklich ist. Ich habe viel gelernt und bin überall mit offenen Armen empfangen worden. Danke Ghana, ich liebe dich.
Kommen Sie doch auch mal her und bis zum nächsten Mal,
Ihre Marie Albrecht