KAFFEEKLATSCH

„Ich liebe es, zu provozieren“

pn; 22.11.2020, 13:30 Uhr
Fotos: Peter Notbohm, Maik Sommer.
KAFFEEKLATSCH

„Ich liebe es, zu provozieren“

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pn; 22.11.2020, 13:30 Uhr
Marienheide – Pascal Polat ist frisch ordinierter und gesalbter Prädikant der evangelischen Kirchengemeinde in Marienheide.

Von Peter Notbohm

 

Pascal Polat passt so gar nicht in das klischeebehaftete Bild eines Predigers. Die zerrissene Jeans gehört genauso zu seinen Markenzeichen, wie das Nasenpiercing und seine beiden großen Ohrringe, an denen zwei Kreuze seinen Glauben ausdrücken. Der 30-jährige Gemeindereferent der evangelischen Kirchengemeinde Müllenbach-Marienheide hat kürzlich die Ordination zum Prädikanten erhalten. Damit erteilte ihm die Kirche den Auftrag zum öffentlichen Dienst an Wort und Sakrament und zur damit verbundenen Seelsorge. „Ich weiß, dass es in meiner Gemeinde nicht gern gesehen wird, wenn ich hier mit zerrissener Hose stehe. Aber das bin ich. Ich mache mich nicht krumm“, sagt er.

 

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Er liebe es, zu provozieren, die Leute dadurch zum Nachdenken anzuregen und zu neuen Erkenntnissen über sich zu führen. „Ich fand es von klein auf total spannend, wie lange man braucht, bis jemand explodiert“, sagt er. Seine Sprache ist häufig laut und rutscht auch gerne einmal in den „Ghetto-Slang“ der Jugend ab, wie er zugibt. „Ich hätte sonst den Eindruck, dass ich etwas verfälsche. Das bin nicht ich, was ich ausstrahle.“ Auch Superintendent Michael Braun, der die Ordination leitete, weiß um die Stärken Polats, seine Gabe zur Rebellion, und zog einen Vergleich zu Jesus Christus: „Jesus selbst war ein großer Provokateur, der mit lauten und leisen Tönen uns Menschen aus unserem Allerlei, aus Engstirnigkeit und Enge zu Gott ruft. Das kann und darf man beim Dienst eines Prädikanten auch immer tun, mit den Gaben, die Gott jedem von uns mitgegeben hat.“

 

[Superintendent Michael Braun leitete die Ordination, die Salbung erfolgte durch Pfarrer Maik Sommer.]

 

Ein Vergleich, den der verheiratete zweifache Vater, der von den Meisten nur „Pasi“ gerufen wird, schlicht als „stark“ einstuft. „Es entspricht tatsächlich dem Bild, das ich von Jesus habe. Das ist nicht der typisch nette Jesus mit einem Lamm auf dem Arm. Nein, er ist gegen das Denken der Menschen angegangen.“ Polats Lebensgeschichte und Weg zum Glauben ist hoch spannend und von einigen Wechseln geprägt: Der Sohn einer sehr gläubigen Deutsch-Russin und eines nichtgläubigen Kurden wuchs in einer Baptistengemeinde in Gummersbach-Bernberg auf, obwohl seine Mutter aus der Gemeinde ausgeschlossen wurde, nachdem bekannt wurde, dass sie schwanger von einem Türken war. Das Gemeindeleben erlebte er mit seinen Großeltern. Mit der klassischen Rollenverteilung, dass man schweigend und völlig unkritisch dem Prediger zuhören muss, da dieser schließlich von Gott berufen sei, konnte er aber bereits in jungen Jahren wenig anfangen und hinterfragte viel.

 

Den Kampf verlor er zwar, der ungebrochen starke Glaube seiner Mutter beeindruckte ihn aber, sodass er sich der Landeskirche anschloss. Aber auch hier eckte der jugendliche Rebell trotz unbändigen biblischen Wissensdurstes immer wieder an. „Ich konnte auch da einfach nicht Klappe halten“, erzählt er mit einem Lachen. Auch hier verlor er seine kleinen Machtkämpfe, flog reihenweise aus dem Konfirmationsunterricht, ließ sich aber nie entmutigen. Seinen persönlichen Weg zum Glauben fand er im Rahmen der Konfirmationsfreizeit aber dennoch in einer Predigt über Zachäus, „die mich sehr ergriffen hat.“ Echte Anbindung fand er dennoch nicht, es folgte der Wechsel zur Christlichen Freikirche „Kirche für Oberberg“, bei der er sich taufen ließ. Ab 2004 engagierte er sich zudem sozial beim Jugendzentrum Bernberg, traf dort auch seinen langjährigen Mentor Sergej Stolz. „Ein toller Mann. Er hat mich geschliffen und einiges aus mir rausgeholt“, sagt Polat rückblickend.

 

Ins Berufsleben stieg der 30-Jährige als Kinderpfleger ein, wurde später Erzieher mit erlebnispädagogischem Anteil und arbeitete in der Jugendhilfe für schwer erziehbare Kinder. Bei den weltlichen Einrichtungen stieß Polat (Foto) mit seinen persönlichen Vorstellungen aber immer wieder an Grenzen. Vor allem die Tatsache, dass Jugendliche und Kinder in unserer Gesellschaft nur durch Sanktionen lernen sollen, störte ihn – er wechselte mehrfach die Stelle, bis er im Februar 2015 die Chance ergriff, Gemeindereferent mit pastoralen Diensten bei der Kirchengemeinde Müllenbach-Marienheide zu werden. Da er über keine theologische Ausbildung verfügte, folgten zwei Jahre berufsbegleitende Ausbildung zum Diakon, anschließend ein weiteres Jahr Prädikantenkurs.

 

[Der Gottesdienst mit der Ordination von Pascal Polat ist über YouTube anschaubar.]

 

Dass er mit 30 Jahren in diesem Amt zu den jüngeren Vertretern gehört, stört ihn nicht – im Gegenteil, er sieht es als Vorteil. „Ich würde es uns als Kirche wünschen, dass wir uns verjüngen. Wir müssen aber nicht nur die Leitung verjüngen, sondern auch die jungen Menschen ansprechen und mit ins Boot holen“, sagt er. Als Beispiel nennt er den Bereich Social Media: „Wenn sich die junge Generation nur noch damit identifiziert, ist es wichtig, dass wir Leute haben, die uns dort nach vorne bringen und glänzen lassen. Sonst verliert Kirche den Anschluss. Wenn Kirche modern wird, wird sie wieder interessant.“ Wie sie mordern aussehen kann, zeigen die „IDentity-Gottesdienste“, die Polat auch künftig unbedingt weiterfeiern möchte (siehe Infokasten). „Sie sind nicht typisch Landeskirche und Landeskirche hat in der Bevölkerung einen Stempel, den man langsam wegwischen muss. Denn wenn das Schubladendenken weg ist, kann Gottesdienst auch anders wirken“, sagt er.

 

Entsprechend sieht er das Gotteshaus auch nur als Ort. „Die Kirche selbst ist nur ein Gebäude. Es geht um den Inhalt“, meint der neue Prädikant. Sie sei zwar ein Stilmittel, um eine gewisse Liturgie hineinzubringen, „biblisch gesehen, sind es aber die Menschen, die Kirche erst gestalten. Deshalb funktionieren auch Freiluftgottesdienste.“ Auf die Frage, was für ihn persönlich Gott ist, muss er kurz überlegen, unterstreicht anschließend aber seinen tiefen Glauben: „Gott ist Trinität und meine Nummer Eins im Leben, noch vor meiner Familie.“ Das verdeutliche auch einer seiner Lieblingsbibelverse ‚Jesus mein Leben, Sterben mein Gewinn‘. „In dieser Identität in Christus möchte ich leben. Ob mir das immer gelingt, ist eine andere Geschichte, aber es ist mein tiefsinniger Wunsch.“

 

[Zu den IDentity-Gottesdiensten gehören neben Gebet und geistlichem Input auch Tanz, Theater und Gesang.]

 

IDentity-Gottesdienst

 

„Identity“ ist eine besondere Gottesdienstform in der Kirchengemeinde Marienheide-Müllenbach. Das Projekt wurde im Sommer 2017 mit elf Mitarbeitern gegründet und ist mittlerweile auf 30 mitwirkende Personen angewachsen. Das Besondere bei diesen jungen Abendgottesdiensten sind die lebensnahen Themen, die herausfordernd und aktiv präsentiert werden. „Wichtig ist uns, dass bei diesem Gottesdienst es sich um unsere Identität handelt, unsere Identität und Beziehung zu Christus und unseren Glauben an Christus“, erklärt Polat. Diese Eventgottesdienste, die sich an alle richten, die jung sind oder jung fühlen, sind laut, knallig und bunt und behandeln auch Themen, die in der Sonntagspredigt nicht vorkommen: Von Drogen über Sex und Alkohol. „Das ist das, was beschäftigt, weil es nah am Leben ist.“

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