LOKALES

Über Geschichten, die das Leben schreibt

ks; 29.08.2026, 06:00 Uhr
Foto: Ann-Sophie Detje --- Die Autorin und Verlegerin Anja Kuhn.
LOKALES

Über Geschichten, die das Leben schreibt

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ks; 29.08.2026, 06:00 Uhr
Wiehl – Mit „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens – Meine Geschichte und ich“ hat Anja Kuhn eine Biographie veröffentlicht – Über das Leben, die Liebe, die Wurzeln, das Scheitern und das Weitermachen.

Anja Kuhn aus Wiehl hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Und auch, wenn es sich dabei um eine Biographie handelt, dürften viele Menschen im Oberbergischen darin Parallelen zu ihrem eigenen Leben und der Geschichte der eigenen Familie entdecken. In „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens – Meine Geschichte und ich“ erzählt die 53-Jährige offen von Flucht und Wurzellosigkeit in ihrer Familie, von einer Kindheit zwischen Freiheitsdrang und unsichtbaren Grenzen, von Liebe, Verlust, einer Scheidung, einer Insolvenz – und von dem langen Weg zu sich selbst. Dabei hat sie sich vor allem mit einem Thema auseinandergesetzt: der transgenerationalen Weitergabe, auch transgenerationales Trauma genannt.

 

„Was in der Traumaforschung längst bekannt ist, bleibt im Alltag der meisten Menschen unbenannt. Sie spüren die Auswirkungen: in Beziehungen, im Umgang mit Geld, in dem stillen Gefühl, nie wirklich anzukommen. Doch die Ursache bleibt oft im Dunkeln“, meint Anja Kuhn. Wie die AOK auf ihrer Webseite schreibt, ist mit einem transgenerationalen Trauma die Weitergabe traumatischer Belastungen von einer Generation zur nächsten gemeint, etwa durch Erziehungsmuster oder emotionale Dynamiken – und wie man mittlerweile in der Forschung weiß, sogar durch biologische Mechanismen.

 

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Auslöser dafür können eine Naturkatastrophe, Terroranschläge, Krieg, Völkermord oder Gewalt gewesen sein, aber auch Bindungstraumata wie Missbrauch oder Vernachlässigung in der Kindheit. „Es gibt Themen, die nicht von mir kommen“, sagt Anja Kuhn mit Blick auf ihr eigenes Leben. „Meine Großmütter mussten im Krieg mit ihren Kindern fliehen.“ Ihre Mutter sei mit ihrer Familie aus Görlitz gekommen, der Vater aus Ostpreußen. Kuhn spricht über die Flucht vor den Russen, Vergewaltigungen, fehlende Väter, und darüber, dass ihre Vorfahren ihr Zuhause samt Hof verlassen mussten. „Beide Familien haben im Krieg alles verloren“, sagt sie.

 

Ein Thema, das sich durch die Familie zieht: man muss immer kämpfen – für alles. Nichts ist leicht. Das kennt Anja Kuhn auch aus ihrem eigenen Leben. Ein Beispiel: 2013 hat sie das TAS Lifestyle Magazin gekauft, musste im Sommer 2015 aber Insolvenz anmelden. Bis 2018 hat sie das Magazin weitergeführt. „2016, knapp ein Jahr nach der Insolvenz, habe ich wieder Boden unter den Füßen gespürt. Das war eine herausfordernde Zeit, wirtschaftlich und privat“, sagt sie. Anja Kuhn hat mit Psychotherapeuten und alternativen Heilern gesprochen, wie sie sagt – auch über die transgenerationale Weitergabe und darüber, gewisse Muster im eigenen Handeln und bei Glaubenssätzen zu erkennen.

 

Vor sechs Jahren hat sie mit ihrem Podcast „Lebensgeschichten“ begonnen, sich seitdem immer mehr mit der eigenen Geschichte befasst. „Das war ein Herantasten. Ich habe meinen Eltern immer mehr Fragen gestellt und dabei wahnsinnige Parallelen entdeckt“, sagt sie. „Beide mussten fliehen, beide sind ohne Vater aufgewachsen, beide sind nach Oberberg gekommen – und haben sich irgendwann an der Brucher Talsperre in einem Segelclub kennengelernt.“ Ihre Eltern seien damit aufgewachsen, dass man nie darüber redet, was zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs passiert ist – wie so viele. „Und ich wollte das auch nie hinterfragen. Als junger Mensch habe ich gedacht, was hat das mit mir zu tun?“, sagt sie. Heute denkt die 53-Jährige anders darüber.

 

In den 1990er Jahren hat Anja Kuhn bei der Kölnischen Rundschau eine Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht. Im vergangenen Jahr hat sie ihren eigenen Verlag gegründet, den Lebensgeschichten-Verlag. Länger habe sie darüber nachgedacht, ob sie diesen Weg gehen soll, bis ihr klar war, dass es einen Tag der Biographen gibt, der alljährlich am 16. Mai begangen wird. „Das ist mein Geburtstag“, sagt Anja Kuhn, die das als Zeichen wertet. „Das hat die letzten Zweifel beseitigt. Das ist meine Aufgabe“, sagt sie. Seitdem wurden schon drei Bücher veröffentlicht: „Ich mach´s jetzt einfach“ von Yvonne Simon, über den Mut, den ersten Schritt zu wagen; „Als der Tod an meine Tür klopfte“ von Andrea Thie, an dem Anja Kuhn als Co-Autorin mitgewirkt hat; und „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ von der Verlegerin selbst.

 

Auch wenn die 53-Jährige in ihrem Werk die eigene Familiengeschichte aufarbeitet, sagt sie: „Nichts davon ist bloßstellend. Meine Eltern wissen, was im Buch steht.“ Es gehe ihr nicht um eine Anklage oder Vorwürfe, „sondern darum, wie wertvoll es ist, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen“. Das Buch enthält auch einige Fragen, die sich die Leser selbst stellen können. „Es ist ein Stück Heilung, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen“, ist Anja Kuhn überzeugt. „Wenn wir erzählen, was war, zeigen wir, was möglich ist“, sagt sie. Damit möchte sie einen Impuls geben, Mut machen und Menschen zeigen: wenn der das kann, kann ich das auch.

 

„Jetzt beginnt der Ernst des Lebens – Meine Geschichte und ich“ (ISBN 978-3-912152-01-2) umfasst 174 Seiten und ist im Buchhandel für 19 Euro erhältlich. Am Donnerstag, 1. Oktober, ist Anja Kuhn zusammen mit Autorin Yvonne Simon in der Mayersche Buchhandlung in Gummersbach zu Gast. Die beiden werden aus ihren Büchern vorlesen. Los geht es um 19 Uhr.

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