LOKALMIX

Baumhof ist insolvent: Das Ende einer Herzensangelegenheit

lw; 16.06.2026, 11:33 Uhr
Fotos: Lars Weber --- Bestenfalls bis Ende August soll das Bier noch aus dem Zapfhahn fließen, dann verabschiedet sich Anke Seltrecht als Baumhof-Wirtin.
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Baumhof ist insolvent: Das Ende einer Herzensangelegenheit

lw; 16.06.2026, 11:33 Uhr
Gummersbach – Anke Seltrecht, die Betreiberin der Kultkneipe, musste den Insolvenzantrag stellen – Gäste sollen noch Gelegenheit zum Abschied bekommen – Zukunft noch ungeklärt.

Von Lars Weber

 

Eine Herzensangelegenheit, das ist der Baumhof für Anke Seltrecht und Michael Chlechowitz die vergangenen 30 Jahre gewesen. Der 61-jährige Gummersbacher führte die Kultkneipe mitten im Zentrum von 1996 bis 2018, dann übernahm seine Mitarbeiterin Seltrecht, die selbst bereits seit 2003 zum Team gehörte. Nun aber endet diese Ära – der Baumhof ist insolvent. Bestenfalls bis Ende August soll das Geschäft noch weitergehen, eine Garantie dafür gibt es in dieser Phase aber nicht. Die Spiele der deutschen Nationalmannschaft bei der WM sollen Baumhof-Fans noch in ihrer Lieblingskneipe sehen können, die CH22-Band hat sich schon für ein letztes Konzert am Samstag, 25. Juli, angekündigt, um den Laden zu rocken. Und auch eine eigene Abschiedsfeier möchte Anke Seltrecht noch schmeißen. Im Gespräch mit OA erklärt sie zusammen mit ihrem Vorgänger und Freund Chlechowitz die Gründe für die Insolvenz und erinnert sich an tolle Nächte in den vergangenen drei Jahrzehnten. Was die Zukunft indes für den Baumhof nach etwa 160 Jahren an Ort und Stelle bereithält, ist unklar.

 

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Ganz ohne das eine oder andere Tränchen geht es bei Anke Seltrecht nicht, wenn sie über die vergangenen Monate spricht. Zu sehr hängt ihr Herz an „ihrem“ Baumhof. Als die heute 47-Jährige und Mutter einer zehnjährigen Tochter in der Gummersbacher Kneipe als Aushilfe anfängt, studierte die Frau aus dem Spreewald noch, um Wirtschaftsingenieurin zu werden. Stattdessen wurde sie Teil der Baumhof-Familie – und sie wollte aus der Gastronomie einfach nicht mehr weg. Zu sehr waren Gummersbach und der Baumhof ihre neue Heimat geworden.

 

2018 übernimmt sie von Chlechowitz die Kneipe. Seitdem ging man „zur Anki“, ein geflügeltes Wort in der Kreisstadt. Rückblickend übernimmt Seltrecht zu einem schwierigen Zeitpunkt. Denn die Pandemie sollte für den Baumhof ein negativer Wendepunkt werden. In dieser musste sie die Pacht voll zahlen, obwohl keine Einnahmen mehr reinkamen. „Das waren 24.000 Euro.“ Und als die Tür wieder aufging, war nichts mehr wie vor Corona. „Freitags und samstags ging da teilweise nichts mehr, so voll war der Laden“, erinnert sich Seltrecht. Auch die Zahl der Stammtische und jener Menschen, die unter der Woche nach Dienstschluss noch vorbeischauten, war höher. „Das Ausgehverhalten hat sich komplett verändert.“ Viele Kunden hätten schlicht nicht mehr das Geld, um es in der Kneipe auszugeben. Zugleich schossen auch die Ausgaben des Baumhofs in die Höhe, sei es beim Personal, Energie oder Miete, wo es zuletzt noch einen sehr großen Sprung gab.

 

 

Vor etwas mehr als zwei Monaten wusste Seltrecht endgültig nicht mehr, wie sie die Rechnungen noch bezahlen soll – und bittet Chlechowitz um Hilfe. Sie steigen in die Analyse der vergangenen 36 Monate ein – mit niederschmetterndem Ergebnis. „Tendenziell war ab Oktober 2024 deutlich absehbar, dass das nicht mehr aufholbar war“, so Chlechowitz. Nun ist die Insolvenz durch. Der Koch, der einzige Festangestellte außer Anke Seltrecht, hat einen neuen Job gefunden und wird zum 1. Juli schon gehen. Daneben gibt es 17 Aushilfen in den Bereichen Küche, Service und Reinigung. Sie selbst habe sich schon beim Jobcenter gemeldet. „Ich möchte unbedingt weiter in der Gastronomie bleiben!“

 

Denn die Beziehung zu ihren Gästen, gerade natürlich den Stammgästen, hat Anke Seltrecht tief geprägt. „Wir trösten uns gerade alle gegenseitig hier“, lächelt sie und wischt sich wieder eine Träne weg. Wer sich in den altehrwürdigen Räumen umschaut, erblickt zum Beispiel Fotos von verstorbenen Stammgästen – immer dort, wo sie einst am liebsten gesessen haben, ist doch klar.

 

[Eng verbunden mit der Historie des Baumhofs: Michael Chlechowitz und Anke Seltrecht.]

 

Seltrecht und Chlechowitz sind beide überzeugt, dass es diese Atmosphäre ist, die den Baumhof bis zum Ende ausgemacht hat. „Das Team ist immer schon eine Familie gewesen. Das war wirklich so. Auch die Stammgäste gehören teilweise mit dazu“, sagt Seltrecht. Da wird auch mal spontan hinter die Theke gewechselt, um kurz beim Spülen zu helfen, kein Problem. „Und das unaufgefordert!“ Man habe auch häufig mehrere Generationen auf einmal im Baumhof gehabt. „Opa, Papa und Sohn. Das ist populär. Das ist auf jeden Fall immer ein schönes Gefühl“, ergänzt Chlechowitz.

 

Legendäre Partys stiegen im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte in dem Lokal, das mehr als 160 Jahre auf dem Buckel hat und sich noch bis in die 1960er-Jahre den Platz mit der Bäckerei von Otto Müller teilte. Die Wirte denken da natürlich an den 23. Dezember, wenn die Exil- und Ur-Gummersbacher im und vor dem Baumhof zum großen jährlichen Wiedersehen anstießen. „Bis zu 1.500 Menschen kamen hierher in den besten Zeiten.“ Oder an Karneval, der im Baumhof ebenso Tradition hat. Oder auch an die Jägermeister-Partys. „Das machten eigentlich nur Diskotheken. Aber Jägermeister war auf uns aufmerksam geworden, weil wir einen sehr hohen Verkauf von Jägermeister hatten“, erinnert sich Chlechowitz. Das Unternehmen fuhr groß auf, allein das Equipment habe kaum in den kleinen Baumhof gepasst.

 

Und was kommt nach der Ära Seltrecht? Der Eigentümer der Immobilie habe mit der Erzquell Brauerei noch einen Vertrag, der noch zehn Jahre lang geht. Eine Anfrage von OA in Bielstein, ob es bereits Interessenten gibt und was im Baumhof passieren wird, blieb bislang unbeantwortet.

 

Seltrecht und Chlechowitz hoffen, dass am Konzept nicht zu sehr herumgeschraubt wird. „Es muss eigentlich so eine Gastronomie bleiben, wie sie jetzt ist, weil das finden die Menschen woanders ja nicht mehr“, meint Chlechowitz. „Ich hoffe, dass die Gäste ihr Wohnzimmer nicht verlieren. Davor haben sie Angst“, sagt Seltrecht. „Aber das liegt nicht mehr in meiner Hand. Es wäre schön, wenn die Tradition hier weiterleben kann.“

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