LOKALMIX

Eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art

ks; 29.04.2026, 17:00 Uhr
Fotos: Katharina Schmitz --- (v. l.) Sigrid Höffken, stellvertretende Schulleiterin, mit den Moderatoren Hermann Menn und Leonie Ising (beide Q1) sowie Autor Lorenz Hemicker und Schulleiter Markus Niklas.
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Eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art

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ks; 29.04.2026, 17:00 Uhr
Gummersbach – Lorenz Hemicker hat aus seinem Buch „Mein Großvater, der Täter“ vorgelesen – Ernst Hemicker war Schüler der Oberrealschule Gummersbach – Als SS-Offizier hat er die Ermordung tausender Juden in Riga mitorganisiert.

In der Aula des Gummersbacher Lindengymnasiums gab es am Montag eine Geschichtsstunde der ganz besonderen Art. Besonders war daran nicht nur das Setting, sondern auch, dass mit Lorenz Hemicker der Enkel eines SS-Offiziers vor Ort war – und, dass seine Familie aus der Region kommt. Wenn im Geschichtsunterricht Themen wie die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg besprochen werden, hat dies nur selten einen regionalen Bezug – wenn überhaupt. Bei der Lesung von Lorenz Hemicker war das anders. Hemicker wurde 1978 in Gummersbach geboren, wuchs in Kierspe auf, wo seine Familie verwurzelt ist, und ging in Meinerzhagen zur Schule. Und auch in der Biographie seines Großvaters Ernst Hemicker taucht Gummersbach auf.

 

Ernst Hemicker ist ein Jahr lang zur Oberrealschule Gummersbach gegangen, einem Vorläufer des heutigen Lindengymnasiums. Er war ein äußerst schlechter Schüler, erzählte Lorenz. „Ernst hatte zig Einträge wegen schlechten Benehmens und ist nach einem Jahr wieder abgegangen.“ Informationen dazu habe er über den Stadtarchivar Manfred Huppertz erhalten. 1933 ist Ernst der Schutzstaffel (SS) beigetreten; 1941 war er an der Ermordung tausender Juden in Riga beteiligt. Während viele nicht wissen, ob und inwiefern ihre Vorfahren zur Zeit des Nationalsozialismus Verbrechen begangen haben, ist das bei Lorenz Hemicker anders. „Mein Vater hat mir das erste Mal davon erzählt, als ich fünf Jahre alt war. Das war viel zu früh“, sagte er.

 

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In der Aula an der Moltkestraße hat Hemicker aus seinem Buch „Mein Großvater, der Täter“ vorgelesen. Lorenz ist Journalist und seit 2014 bei der Frankfurter Allgemeinen beschäftigt. Seinen Großvater hat er nie kennengelernt. „Ernst ist fünf Jahre vor meiner Geburt verstorben.“ Aber die Taten seines Großvaters würden seine Familie wie einen Schatten bis heute begleiten, hätten nicht zuletzt seinen Vater „über Jahrzehnte hinweg krass belastet. Er ist regelrecht traumatisiert worden.“ 14 Tage, bevor Lorenz mit seinem Vater nach Riga reisen wollte, ist er verstorben. „Er hatte einen Hirnschlag.“ Umso wichtiger scheint es für Lorenz gewesen zu sein, sich auf Spurensuche zu begeben und herauszufinden, was genau sein Großvater im Krieg getan hat.

 

[Ein Tagebuch von Ernst Hemicker mit Stundenplan, als er in der 9. Klasse war.]

 

13 Jahre lang hat er recherchiert – mal mehr, mal weniger. Dabei ging er auch den Fragen nach, wie wir Menschen zu Tätern werden und wie sich solche Taten auf die nächsten Generationen auswirken. Entstanden ist eine Dreiecksgeschichte zwischen Ernst, seinem Vater Peter und Lorenz, ihm selbst. Rund 260 Schülerinnen und Schüler aus den Stufen 10, EF und Q1 saßen vor ihm, als er aus insgesamt drei Kapiteln vorlas. Seinen Großvater bezeichnete er als „Totengräber“. „Er war Tiefbauingenieur und hat Massengräber geplant“, schilderte Lorenz. Gebaut wurden diese Massengräber in einem Wäldchen in Rumbula, das etwa zehn Kilometer außerhalb von der lettischen Hauptstadt Riga liegt. „Er hatte eine Fachaufgabe. Er hat nicht selbst geschossen.“

 

Hemicker erzählte den Schülerinnen und Schülern von dem dortigen Massaker, bei dem die SS Ende 1941 mindestens 27.100 Jüdinnen und Juden ermordet hatte. „Die Schützen töteten in bis zu drei Gruben parallel.“ 30.000 Patronen sollen sie dabei gehabt haben. „Keines der Opfer sollte überleben“, sagte der 47-Jährige. Am Ende des Kapitels war es in der Aula ganz still. Eine Erfahrung, die der Journalist immer bei seinen Lesungen macht – unabhängig davon, wo er liest. „Dieses Kapitel ist das schwierigste Stück, das ich je geschrieben habe“, sagte er. „Wenn man wissen will, wohin Fremdenhass und Antisemitismus letztlich führen: genau dahin.“

 

[Lorenz Hemicker bei der Lesung in der Aula. Rund 260 Schülerinnen und Schülern hörten ihm dabei zu.]

 

Lorenz erzählte davon, dass die Hemickers in Kierspe eine angesehene Familie waren und Ernst ein akzeptiertes Mitglied der Kiersper Gesellschaft gewesen sei – auch nach dem Krieg. Als seine Großmutter über einen Brief von einer Verfügung vom Landgericht Hamburg erfuhr, die darüber aufklärte, dass gegen Ernst wegen Beihilfe zum Mord Voruntersuchungen angelaufen seien, sei für sie eine Welt zusammengerochen. Und an dem Tag, als sein Vater davon erfuhr, was Ernst genau vorgeworfen worden ist, sei auch in ihm etwas zerbrochen. Ein Schüler wollte wissen, ob ihm das Schreiben des Buches geholfen habe. „Ja“, sagte Lorenz. „Aber ich habe darunter nicht gelitten wie mein Vater. Ich hatte eher das Gefühl, den Weg zu Ende zu gehen, den mein Vater nicht mehr gehen konnte.“

 

Wichtig ist ihm auch, die Legende der Familie als Legende enttarnt zu haben. „Ich weiß nicht alles. Aber ich weiß, dass Ernst von 1941 bis 1945 Teil der SS-Mordmaschinerie war. Er ist nicht irgendwo wider Willen hereingeraten.“ Selbst schuldig fühle er sich nicht, aber „ich fühle mich verantwortlich“, sagte Lorenz. Auf die Frage eines Schülers, warum er an Schulen aus seinem Buch vorliest, sagte er, weil „es auf euch ankommt. Ihr entscheidet, wie es mit der Geschichte weitergeht. Die Gefahr, in diese Richtung zu gehen, die ist stets da. Vielleicht nicht genauso, aber es kann überall und jederzeit wieder passieren.“ Sein Großvater Ernst Hemicker sei letztlich ein Spiegel. „Es gab hunderttausende Ernsts“, sagte Lorenz. „Der Name ist egal.“

 

[Lorenz Hemicker hat am Lindengymnasium aus seinem Buch „Mein Großvater, der Täter“ vorgelesen.]

 

Rund eineinhalb Stunden saß Lorenz Hemicker mit den Schülerinnen und Schülern zusammen. Dabei beantwortete er ehrlich und nahbar die unterschiedlichsten Fragen. „Diese Menschen sind Menschen wie wir. Ich hoffe, ich würde nicht so handeln wie Ernst. Aber kann ich mir sicher sein?“, fragte er. Lorenz zog eine Parallele zu alltäglicheren Ereignissen. Schreitet man ein, wenn jemand ungerecht behandelt oder rassistisch angegriffen wird? Oder schaut man weg? Schulleiter Markus Niklas und Sigrid Höffken, die stellvertretende Schulleiterin des Lindengymnasiums, blickten sehr zufrieden auf die Lesung zurück. „Das war eine Geschichtsstunde, die in Erinnerung bleibt“, sagte Höffken. 

 

Das Buch „Mein Großvater, der Täter“ ist am 15. April 2025 im Rowohlt Verlag erschienen. Das Werk umfasst 256 Seiten und ist als gebundene Ausgabe für 24 Euro erhältlich (ISBN: 978-3-7371-0217-9).

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