LOKALMIX

Eine Kirche auf Reisen

lw; 21.01.2026, 17:00 Uhr
Foto: Werner Hütt --- Noch steht die Kirche in Ratingen-Eggerscheidt. Doch noch in diesem Jahr wird sie abgebaut und in Lindlar wieder errichtet.
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Eine Kirche auf Reisen

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lw; 21.01.2026, 17:00 Uhr
Lindlar – Aus Ratingen-Eggerscheidt wird dieses Jahr eine sogenannte Notkirche in das LVR-Freilichtmuseum versetzt – Sie soll allen Menschen offenstehen und neben der Museums-Kita ein neues Zuhause finden – NRW-Stiftung übergibt 50.000 Euro Förderung.

Von Lars Weber

 

Die Kirche wird dieses Jahr nicht im Dorf gelassen, zumindest nicht in Ratingen-Eggerscheidt. Stattdessen geht das Gebäude auf Reisen ins rund 90 Kilometer entfernte Lindlarer LVR-Freilichtmuseum. Bereits seit Ende 2021 wurden erste Gespräche geführt, nun können die Pläne tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Heute hat die NRW-Stiftung in der Museumsherberge Gut Dahl den Förderbescheid über 50.000 Euro offiziell übergeben. Laut den Beteiligten war dies der letzte Stein, der in der Finanzierung des 725.000 Euro teuren Projekts noch gefehlt hatte. Den Löwenanteil von 480.000 Euro kommt aus der Denkmalstiftung von Bund und Land, daneben sind zudem mit je 100.000 Euro die Kirchengemeinde Ratingen und der Förderverein des Freilichtmuseums beteiligt. Eine Gemeinschaftsproduktion also – und Gemeinschaft und Zusammenhalt sollen auch weiterhin in und mit der Kirche gefördert werden.

 

Museumsleiter Michael Kamp erklärte den Gedanken hinter dem neuen Gebäude im Museum. Das ehemalige Gotteshaus sei ein Beispiel für das serielle Kleinkirchenprogramm der Evangelischen Kirche im Rheinland in den 1960er-Jahren. „Damals mangelte es in vielen Kirchengemeinden an Raum“ – eine Folge des Zweiten Weltkriegs mit seiner millionenfacher Binnenmigration von Osten nach Westen und der Zerstörung der Kirchen im Krieg. Bereits Anfang der 1950er-Jahre lief ein erstes Bauprogramm für sogenannte Notkirchen an, ein zweites folgte. Es sollten „qualitätvolle Holzkirchen kostengünstig in Serie errichtet werden, die dennoch Gotteshauscharakter ausstrahlten“. Den Wettbewerb gewannen der Baumeister Otto Leitner und der Architekt Helmut Duncker mit jeweils einer eigenen Kreation.

 

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Die Kirche in Ratingen-Eggerscheidt wurde von Duncker als Nurdachkirche konzipiert. „Sie ist ein minimalistisches, reduziertes Bauwerk“, so Kamp. Von diesem Typ Kirche seien insgesamt 38 erbaut worden, 25 seien noch erhalten, obwohl die prognostizierte Nutzungsdauer nur bei 50 Jahren lag. Dass die Kirche als generell versetzbar konzipiert wurde, sieht man daran, dass Lindlar der inzwischen dritte Standort des Bauwerks werden wird. Denn bevor die Kirche 1975 in Ratingen aufgebaut wurde, stand sie in rund acht Jahre in Bonn-Holzlar.

 

Für das Freilichtmuseum ist die Kirche interessant, weil das Bauwerk mit seiner minimalistischen Bauweise „den ökologisch-umweltpädagogischen Bildungsansatz des Hauses veranschaulicht“, so Kamp. Zudem sei es ein Beispiel für die ressourcenschonende Vorfertigung von Gebäuden. Es ergänzt damit sozusagen das älteste in einem Freilichtmuseum präsentierte „Fertighaus“, das Forsthaus Broichen von 1934. Angesiedelt wird die Kirche direkt neben der Museums-Kita, wodurch sich zudem zwei unterschiedliche Holzbauten gut miteinander vergleichen ließen.

 

Nicht zuletzt, und das freute besonders die „Freunde und Förderer des Bergischen Freilichtmuseums“ und auch Bürgermeister Sven Engelmann, beschere die Kirche dem Museum einen qualitätsvollen, ganzjährig nutzbaren Ausstellungs- und Veranstaltungsraum. Bestuhlt passten rund 120 Menschen hinein, so Werner Hütt, Geschäftsführer des Fördervereins. Die Kirche werde auch außerhalb der Öffnungszeiten des Museums barrierefrei zugänglich sein vom Parkplatz an der Kita und am Gut Dahl. Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann von der NRW-Stiftung freute sich, dass das Bauwerk weiterhin eine Begegnungsstätte und Veranstaltungsort bleiben wird. „Da ist kein Zaun drum herum, sondern es wird mit Leben gefüllt.“

 

[Foto: Lars Weber --- Die Beteiligten aus Ratingen und Lindlar nehmen den Förderbescheid der NRW-Stiftung aus den Händen von Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann (2. v.li.) entgegen.]

 

Pastor Thomas Gerhold, Vorsitzender der Kirchengemeinde Ratingen, sieht es ebenso gerne, dass die Kirche erhalten bleibt. „Sie wird Menschen weiterhin miteinander verbinden.“ Dass sie nicht „verschrottet“ werde, so Baukirchmeister Rainer Düwel, habe die Gemeinde gefreut. Bis 2018 war sie in Ratingen genutzt, bevor ein Sturm sie kurz vor Heiligabend beschädigt habe. Im Nachgang dieses Ereignisses sei es zur Idee gekommen, die Kirche dem Museum zu überlassen.

 

Dort sind die Vorbereitungen bereits gemacht, der Grund neben der Kita sei hergerichtet, so Hütt. Die Architekten Kim Khue Säger und Wolfgang Kamieth aus Mühlheim an der Ruhr gehen davon aus, dass im März oder April die Translozierung losgehe und die Versetzung rund ein halbes Jahr dauern werde.

 

Bürgermeister Engelmann erinnerte die Geschichte der Notkirche an die Historie der Jubilate-Kirche. „Dieser Geist wohnt auch dieser Kirche inne.“ Daher passe die Notkirche zur Geschichte Lindlars. Er freut sich, dass das Bauwerk „möglichst vielen Menschen zur Verfügung stehen wird“ und bedankte sich bei allen für das Engagement.

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