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"Für viele Menschen hat das Freilichtmuseum einen hohen emotionalen Wert"
Lindlar - Nach 22 Jahren ist der Leiter des LVR Freilichtmuseums Michael Kamp in den Ruhestand gegangen - Im Interview mit OA blickt er auf die Zeit zurück.
Von Lars Weber
OA: Herr Kamp, Sie waren vorher in Immenstadt im Allgäu tätig, bevor Sie die Leitung des Lindlarer Freilichtmuseums übernahmen. Was hat Sie hierher verschlagen?
Michael Kamp: Ja, das ist eine längere Geschichte. Ich bin gebürtig aus Krefeld, in Düren aufgewachsen und habe damals schon meine Frau kennengelernt. Im Rheinland studieren wollten wir nicht, sondern sind nach Regensburg zum Studium gegangen und lebten von 1981 bis 2004 in Süddeutschland . Nachdem ich sechs Jahre in einem Karlsruher Architekturbüro gearbeitet und anschließend zwei Jahre an einem Freilichtmuseum in Südbayern tätig war, kam ich nach Immenstadt im Allgäu, wo ich zuletzt drei Museen managte. Ich habe vor allen Dingen mit einem ambitionierten Architekten ein kleines Freilichtmuseum, das „Allgäuer Bergbauernmuseum“, quasi aus dem Nichts aufgebaut. Das war eine kuriose Geschichte. Ich hatte dafür nämlich nur 19 Monate Zeit. In dieser Zeit haben wir es geschafft, ein modernes Eingangsgebäude zu errichten, einen Allgäuer Bauernhof in einen Museumsbauernhof umzubauen und eine Alpe (Almgebäude) aus 1.500 Meter Höhe in das Museumsgelände zu versetzen. 20.000 Gäste waren für das erste Jahr kalkuliert, aber es kamen 55.000. Das Allgäuer Bergbauernmuseum hat schon zu Beginn ohne zusätzliche Veranstaltungen weitestgehend kostendeckend gewirtschaftet.
Nach der Museumseröffnung 2002 war ich Anfang 40 und habe mir überlegt, was machst du jetzt noch. Im Mai 2004 erhielt ich dann einen Anruf aus Köln. Vom LVR erfuhr ich, dass man einen Museumsleiter für das Bergische Freilichtmuseum in Lindlar suche. Zum Bergischen Land, abgesehen von Ausflügen in meiner Kindheit zu den Talsperren, hatte ich keinen Bezug. Zwar kannte ich das Bergische Freilichtmuseum nicht, doch reizte mich die neue Aufgabe.
OA: Wie war der erste Eindruck? Das Museum hatte da gerade einmal sechs Jahre geöffnet nach einem sehr langen Vorlauf mit vielen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen…
Kamp: Der erste Eindruck des Museums war ernüchternd, kann man sagen. Mein Vorgänger Hans Haas (1946-2018) hatte es nicht einfach gehabt. 1985 wurde er als Leiter bestellt und von den Medien despektierlich als „Museumsdirektor ohne Museum“ begrüßt. Er musste viele Konflikte durchstehen. Ohne die Unterstützung des Lindlarer Gemeindedirektors und Bürgermeisters Konrad Heimes gäbe es das Freilichtmuseum heute nicht.
Obwohl 1998 eröffnet, fehlte es sechs Jahre später noch an vielem. Die Infrastruktur war kaum entwickelt. Im Jahr 2005 konnte dann das Eingangsgebäude eröffnet werden. Bis dahin gelangte man praktisch wie durch ein Mausloch in das Museum. Weder Ausstellungsräume noch pädagogische Räume waren vorhanden. Dann ging es jedoch hurtig weiter. Nach dem Eingangsgebäude wurde das Haus Hoppengarten fertig, dann 2006 die große Zehntscheune. Was fehlte, waren konkrete Planungen für die Zukunft des Lindlarer Freilichtmuseums. Die haben wir dann auf einer Tagung Fachleuten aus ganz Deutschland vorgestellt und auch mit Geld hinterlegt. Ich habe damals gesagt, dass man für den Endausbau ungefähr 15 Millionen Euro benötigen würde. Letzten Endes musste ich jedoch mit deutlich weniger Geld auskommen.
OA: Wurden die Planungen umgesetzt? Wie hat sich das Museum entwickelt?
Kamp: Die meisten Bauten, die zwischen 2005 und 2025 entstanden sind, basierten schon auf den Ergebnissen dieser Tagung. Weitere kulturhistorisch wichtige Gebäude kamen hinzu. Im Jahr 2018 konnten wir schließlich die neue Baugruppe „Mühlenberg“ eröffnen. Besonders eindrucksvoll spiegelt sich die einst bedeutende oberbergische Steinindustrie im Museumsgelände in der Steinbruchbahn wider, die von den Museumsfreunden ehrenamtlich mit vier Lokomotiven betrieben wird. Derzeit wird die Bahn auf einen Kilometer Streckenlänge erweitert und endet dann in einem echten, schon lange stillgelegten Grauwackesteinbruch, der von einer Aussichtsplattform bekrönt wird. Spätestens 2027 soll alles fertig sein.
Auf Basis des umweltpädagogischen Konzepts entwickelte sich auch der Baubereich weiter. Mittlerweile befinden sich auf dem Museumsgelände mehrere historische und neue ressourcenschonende Bauten, wie das 1934 vorgefertigte Forsthaus, die Reichsarbeitsdienstbaracke, das Strohballenhaus oder die vollkommen aus Holz gefertigte Museumskita. Weitere Gebäude werden demnächst dazukommen.
Ohne das große Engagement der „Freunde und Förderer des Bergischen Freilichtmuseums Lindlar“ hätte sich das Museum nur sehr langsam weiterentwickelt. Die Museumsfreunde erwarben nicht nur Wiesenflächen vor dem Nordtor des Museums, damit auch weiterhin größere Veranstaltungen stattfinden können, sondern engagieren sich auch aktiv beim weiteren Museumsausbau. Derzeit werden dreizehn Bauprojekte nicht nur finanziell gefördert, sondern viele ehrenamtlich engagierte Menschen bringen sich auch aktiv ein.
Auf dem vereinseigenen Grundstock auf der Nordseite des Museums werden deshalb in den kommenden Jahren Bauten wiedererrichtet werden, die ressourcenschonende historische Bauweisen des 20. Jahrhunderts veranschaulichen.
Zur Person
1959 wurde Michael Kamp in Krefeld geboren. Er studierte Volkskunde, Kunstgeschichte und historische Hilfswissenschaft an der Universität Regensburg. Von 1988 bis 1996 war er Mitarbeiter des Schwäbischen Bauernhofmuseums Illerbeuren und in einem Architekturbüro. Anschließend war Kamp Museumsleiter in Immenstadt/Allgäu von zuletzt drei Museen, unter anderem baut er das Allgäuer Bergbauernmuseum auf.
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Seit Oktober 2004 war er Leiter des Freilichtmuseums Lindlar. In seinen 22 Jahren als Leiter wird das Museum erweitert, gerade bei der Infrastruktur tut sich viel (unter anderem pädagogische Räume im Strohballenhaus, Ausstellungsräume im Hof Peters, Bau der Kita durch den Museumsförderverein). Kamp hat Lehraufträge an den Universitäten Düsseldorf und Münster und war auch einige Jahre Vorstandsmitglied des Verbandes Rheinischer Museen. Seit 1984 gehen rund 100 Veröffentlichungen zur Bau- und Hausforschung, Museumsgeschichte sowie über gesellschaftliche Phänomene und Umweltthemen auf Kamps Konto. Ein Schwerpunkt sind Forschungen über die Zeit des Nationalsozialismus.
OA: Welche Rolle spielt die Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern für das Museum?
Kamp: Von jeher hatten die Menschen im Bergischen eine starke Affinität zu alternativen Lebensstilen. Erinnert sei an die einst zahlreichen Kuranstalten in der Region, die erfolgreich Naturheilverfahren anboten. Diese existierten in Gummersbach-Rospe, Lindlar, Engelskirchen-Wallefeld und anderen Orten. In der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts förderten sie wesentlich die touristische Entwicklung der Region.
Schon in der Planungsphase des Museums spielte die Partizipation, die aktive Teilhabe ehrenamtlich engagierter Menschen eine wichtige Rolle.
Mit der Anlage der Patengärten gelang den Planerinnen und Planern ein Glücksgriff.
Bis heute hat sich die Idee, dass gärtnerisch Ambitionierte im Museumsgelände eine Parzelle für die Selbstversorgung bewirtschaften können, bestens bewährt. Unter diesen Gegebenheiten ist es leicht nachvollziehbar, dass das Thema Gartenbau und Ernährung im Umweltbildungsauftrag des Lindlarer Freilichtmuseums eine sehr große Rolle spielt.
Die Leute waren motiviert, haben sich eingebracht und so hat sich das Museum zu dem entwickelt, was es heute ist. Und man hat es dann auch sofort an den Besuchszahlen gemerkt. Als ich angefangen habe, lagen wir bei 50.000 und hatten innerhalb kurzer Zeit an die 100.000 Gäste. Das Museum ist bei den Gästen äußerst beliebt. Es ist nicht nur ein Museum, was man einfach besucht, sondern es hat für viele Menschen in der Region einen hohen emotionalen Wert. Dann ist ja der nächste Schritt, dass man diesen Menschen Möglichkeiten bietet, sich aktiv zu beteiligen. Über die Gärten einerseits und über den Förderverein andererseits. Dort bestand die Möglichkeit, direkt mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Wir haben Projekte, die kannst du mit Personal allein nicht abdecken. Um einen möglichst vielfältigen Museumsbetrieb stemmen zu können, mussten Leute mit Herzblut gefunden werden. Und die haben wir gefunden.
OA: Was sind die Projekte in den 22 Jahren, wo Sie sich besonders darüber gefreut haben, dass das möglich gemacht werden konnte?
Kamp: Die Hermesdorfer Schule zum Beispiel. Da gab es einen politischen Streit darüber, ob das Gebäude vor Ort erhalten werden sollte oder nicht. Jedoch überwog die Meinung, die 1861 mit großen Mühen errichtete Schule abzureißen. Ich habe dann im Prinzip, ohne einen Euro Geld zu haben, gesagt, wir übernehmen die Schule nach Lindlar. Ich dachte mir, da werden sich schon Wege finden, letzten Endes 750.000 Euro zu finanzieren. Da hat sich der Förderverein außerordentlich stark engagiert. Die Schule ist ein gutes Beispiel dafür, was man schaffen kann, wenn man nur will und diesen Weg unbeirrt verfolgt.
OA: Wie blicken Sie auf die weitere Entwicklung des Museums?
Kamp: Im Juni wird eine neue Ära mit Sandra Badelt als Museumsleiterin beginnen. Sie hat einen stärkeren Schwerpunkt in Kunst und Pädagogik und das, denke ich, wird sich sehr, sehr gut ergänzen mit dem, was bisher geschaffen worden ist. Obendrein werden dann auch andere Leute auf das Museum aufmerksam und kommen nach Lindlar.
OA: Und Sie bleiben ja auch in anderer Funktion an Bord…
Kamp: Neuer Vorsitzender des Fördervereins ist jetzt Dr. Hermann-Josef Tebroke. Werner Hütt und ich werden uns um die von den Museumsfreunden finanzierten Baustellen kümmern. Viele laufen ja schon und sind weit fortgeschritten, andere beginnen noch. Neben dem Bauen geht es auch mit verschiedenen Publikationen weiter. Wir haben viele Themen im Bergischen Land, die noch nicht aufgearbeitet sind, wo man mehr machen müsste. Ein Thema ist die NS-Zeit. Da wird es demnächst den zweiten Band, den Folgeband zur Indoktrination, geben. Was ich mir mal wünschen würde, ist auch ein Buch über Mühlen im Bergischen Land. Also auch kulturhistorische Themen aufzuarbeiten. Da gibt es Handlungsbedarf. Und es gibt eine Nachfrage, eine Leserschaft. Ich bin also erst mal gut beschäftigt.
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