LOKALMIX

Im Miteinander unruhig bleiben

kp; 31.10.2026, 10:35 Uhr
Fotos: Katja Pohl --- Bernhard Wunder (li.) und Renate Baumann hatten den Vortragsabend zum Reformationstag organisiert und mit Pfarrer Mathias Bonhoeffer (re.) aus Köln des Großneffen des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer eingeladen.
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Im Miteinander unruhig bleiben

kp; 31.10.2026, 10:35 Uhr
Wiehl – Pfarrer Mathias Bonhoeffer beleuchtete in einem Vortrag die Bedeutung des Reformationstages für die heutige Zeit und erinnerte an die Theologie seines Großonkels Dietrich Bonhoeffer.

Von Katja Pohl

 

Der Kölner Pfarrer Mathias Bonhoeffer ist der Großneffe des Theologen und Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus Dietrich Bonhoeffer, der im April 1945 nach zweijähriger Haftzeit hingerichtet wurde. Der 68-Jährige sagt von sich, er begreife seine Herkunft auch als Aufgabe, im Sinne Dietrich Bonhoeffers „mit Blick auf die Wirklichkeit das zu tun, was notwendig ist“. Denn, so erläutert der Pfarrer: „Ich hege große Sympathien für das Prinzip Verantwortung.“

 

[Renate Baumann vom Arbeitskreis Christen für Wiehl wünschte sich "Ein feste Burg ist unser Gott“, das bekannteste Kirchenlied Martin Luthers.]

 

In der evangelischen Kirche in Wiehl hielt Mathias Bonhoeffer nun auf Einladung des Arbeitskreis Christen für Wiehl in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungswerk Oberberg und der evangelischen Gemeinde Oberbantenberg/Bielstein  einen Vortrag zum Thema „Nicht feiern. Verantworten – Wie Dietrich Bonhoeffer den Reformationstag in Frage stellte“. Viele Interessierte waren zu dieser achten gemeinsamen Veranstaltung der Kooperationspartner rund um den Reformationstag gekommen. Bernhard Wunder vom Katholischen Bildungswerk erläuterte: „Es ging uns als Organisationsteam darum, auszuloten, was der Reformationstag für uns aktuell bedeuten kann.“ Renate Baumann, Mitglied des Arbeitskreises, ergänzte: „Und wir wollten den Blick ein wenig von Martin Luther lösen. Als wir den Abend planten, haben wir die Frage gestellt, wer die Bedeutung des Reformationstages in die Jetztzeit holen könnte und sind auf Mathias Bonhoeffer gestoßen.“

 

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Der Kölner war schon im vorigen Jahr zu Gast in Wiehl, um mit Schülerinnen und Schülern des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums über Leben und Werk seines Großonkels zu diskutieren, um mit ihnen über die umstrittene Film-Biografie von Regisseur Todd Kormanicki „Bonhoeffer“ von 2024 zu sprechen.

 

[Dr. Bernhard Wunder vom Katholischen Bildungswerk Oberberg betonte, an diesem Abend gehe es auch um die Frage, welche Verantwortung die Kirche zum Handeln im Sinne des Evangeliums habe.]

 

Bernhard Wunder erinnert sich: „Bei dieser Gelegenheit habe ich ihn auf dem Podium erlebt, und es wurde schnell klar, dass wir ihn einladen möchten.“ An diesem Abend in der Wiehler Kirche gehe es nun darum, als Christen zu fragen, ob das, was wir tun, dem Evangelium entspricht, betont Bernhard Wunder: „Diese Frage wird nie ihre Relevanz verlieren.“ In einer Zeit der gesellschaftlichen Spannungen, der politischen Polarisierung sei es wichtig, immer wieder nach der Verantwortung der Christen in der Welt zu fragen. Mathias Bonhoeffer selbst ordnete zunächst das Wirken

 

Dietrich Bonhoeffers in den historischen Kontext um das Jahr 1932 ein, erklärte, er nehme Bezug auf eine Predigt vom 6. November 1932, die der erst 26-jährige Dietrich Bonhoeffer in der Berliner Kirchengemeinde Am Friedrichshain hielt. Es war der Tag des Reformationsfestes und gleichzeitig der Tag der Reichswahl.

 

Dietrich Bonhoeffer, im Blick seines Großneffen ein realistisch denkender und oft auch unbequemer Theologe, sprach in dieser Predigt davon, dass die evangelische Kirche in einer Krise sei. Er befürchtete schon zu diesem Zeitpunkt, seine Kirche könnte sich der völkischen Bewegung anschließen und warnte eindringlich davor. Mathias Bonhoeffer betonte, der Gemeinde sei damals sehr schnell klar gewesen, wie wenig Bonhoeffers Ausführungen mit einer Festtagspredigt gemein hatten. „Ihm ging es darum, nicht einfach Geschichte zu feiern. Er war der Ansicht, dieser Schritt Martin Luthers zu einer Reformation hin müsse zur Folge haben, dass Christen Verantwortung übernehmen, moralische Fehlentwicklungen kritisieren, und er sah die Kirche an einem Scheideweg.“ Diese Predigt habe Konsequenzen verlangt: Kirche dürfe nicht schweigen, sich nicht zurückziehen, müsse aus tätiger Liebe und Verantwortung handeln, sich schützend vor die Menschen stellen.

 

[Pfarrer Mathias Bonhoeffer sieht in seiner Herkunft auch eine Aufgabe, hegt große Sympathie für das Prinzip Verantwortung.]

 

Wie schwierig sich dieser Anspruch Dietrich Bonhoeffers auch heute noch gestaltet, wurde in der Diskussionsrunde im Anschluss an den Vortrag deutlich. Auf die Frage, wie sich Kirche heute angesichts von politischer und gesellschaftlicher Spaltung positionieren könne, betonte Pfarrer Bonhoeffer, Möglichkeiten zum diakonischen Handeln gäbe es immer. Eine Aussage, die er aber dahingehend relativierte, dass er auch betonte, es gäbe Grenzen, zumal im Gespräch. „Wenn ich spüre, hier komme ich argumentativ nicht weiter, es bleibt menschen- und die Zehn Gebote verachtend, löse ich mich von dem Menschen. Er bleibt Mensch für mich, aber nicht mehr Gesprächspartner.“

 

Es war ein Abend, der zum Nachdenken anregte, dazu aufforderte, im lebendigen Miteinander unruhig zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und sich innerhalb der Kirche immer wieder kritisch selbst zu hinterfragen.