LOKALMIX

Plötzlich Familie

lw; 26.05.2022, 09:00 Uhr
Foto: Lars Weber --- Gudrun Bickenbach zusammen mit Maiia, Bohdana und Sviatoslav.
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Plötzlich Familie

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lw; 26.05.2022, 09:00 Uhr
Gummersbach – Gudrun Bickenbach nahm Anfang März ukrainische Kriegsvertriebene bei sich auf – Von den schönen und schwierigen Seiten des Zusammenlebens.

Von Lars Weber

 

Die Umarmung ist lang und innig. Gudrun Bickenbach und Maiia herzen sich so ausgiebig, als ob sie sich schon ewig nicht gesehen hätten. Dabei ist es zum Zeitpunkt der Umarmung gerade einmal zwei Wochen her, dass die 41-jährige Ukrainerin gemeinsam mit ihren beiden Kindern, der 18-jährigen Bohdana oder dem sieben Jahre alten Sviatoslav, das Haus von Bickenbach in Gummersbach-Gummeroth verlassen hatten, um in eine kleine Wohnung im Gummersbacher Zentrum zu ziehen. Und auch seit dem Umzug ist der Kontakt zwischen der Familie und ihrer „Babuschka“ rege. Noch vor wenigen Wochen kannten sie sich gar nicht, mehr als 1.800 Kilometer lagen zwischen ihnen. Jetzt bezeichnen sie sich als Familie. Ihre Geschichte zeigt das große Herz, das viele Menschen auch in Oberberg in dieser Situation bewiesen haben. Sie zeigt aber auch die Herausforderungen, mit denen alle Beteiligten zurechtkommen müssen.

 

Ein Blick zurück. Am 24. Februar beginnt Russland mit einem groß angelegten Angriff auf die Ukraine. Damit herrscht wieder Krieg in Europa. Schnell beginnen viele Ukrainer, ihr Land zu verlassen. Vornehmlich sind es Frauen, Kinder und ältere Menschen, die Männer müssen zurückbleiben, um für ihr Land zu kämpfen. So ist es auch bei Maiia und ihrem Partner Juri. Die Familie wohnt in Kiew, etwa fünf Kilometer vom Zentrum entfernt. Die 41-Jährige arbeitet in einem Krankenhaus. Als die Kämpfe beginnen, sprechen sie über eine Flucht. Die Mutter und die Kinder wollen Juri eigentlich nicht allein zurücklassen. Dieser spricht aber ein Machtwort und setzt seine Familie in einen Zug Richtung polnischer Grenze. Mit dabei ist auch Maiias Schwester mit ihren Kindern. Dort treffen sie auf Oberberger, die helfen wollen. So verschlägt es die Ukrainer per Zufall nach Gummersbach. Von Kiew bis in ihre vorläufige Heimat dauert es für Maiia, Bohdana und Sviatoslav drei Tage. Wie es dort weitergeht, wissen sie nicht.   

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Wie schnell das alles plötzlich geht, darüber staunt Gudrun Bickenbach bis heute. Nach Kriegsausbruch liest sie in der Presse von den Aufrufen, dass Wohnraum benötigt wird. Sie denkt nicht lange nach und meldet sich bei der Stadt Gummersbach. Für sie ist es nichts Ungewöhnliches, jemanden bei sich aufzunehmen. Bei der Mutter von drei erwachsenen Töchtern waren in den vergangenen Jahren immer wieder Gäste im Haus. Junge Erwachsene, die sie über Kontakte kennenlernte, meist in schwierigen Lebenssituationen. Die ehemalige Grundschullehrerin bot ihnen ein Dach über den Kopf und eine Struktur für den Alltag. Sie bereut es nie, ihre Tür offen zu halten. „Bei den Bildern aus der Ukraine habe ich außerdem an meine Mutter denken müssen, die 1945 aus Pommern fliehen musste. Ein Teil der Familie hat die Flucht nicht überlebt“, erinnert sie sich. „Meine Mutter hätte gewollt, dass ich Kriegsvertriebenen meine Hilfe anbiete.“

 

Als Bickenbach sich beim Sozialamt meldet, sei man dort davon ausgegangen, dass es noch eine Weile dauert, bis die ersten Flüchtlinge in Gummersbach eintreffen, so Bickenbach. „Zwei Tage später erhielt ich den Anruf von Freunden.“ Am 8. März stehen Maiia und ihre beiden Kinder in Gudrun Bickenbachs Wohnzimmer – und fangen erst einmal bitterlich an zu weinen. „Wir wussten zunächst nicht, was los ist.“ Es wird klar: Maiia vermisst ihre Schwester. Einige Telefonate später wissen sie, dass die Schwester bei einer anderen Familie in der Nachbarkommune untergekommen ist, gar nicht weit weg. Kurz darauf schließen sie sich in die Arme. Den Abend verbringen sie in großer Runde. „Alle haben sich irgendwie unterhalten. Ich hatte gleich das Gefühl: Das läuft!“, erinnert sich die 67-jährige Bickenbach.

 

Ihr Gefühl trügt sie nicht. Maiia, Bohdana und Sviatoslav leben sich schnell ein. Die meisten Dinge, die sie benötigen, lassen sich schnell auftreiben. Neben Gudrun Bickenbach lernen die Ukrainer auch ihre anderen Mitbewohner kennen. Zwei Hunde, vier Katzen, zwei Ziegen, zwei Schafe, sechs Kaninchen und rund 40 Hühner. Die Tiere erleichtern das Ankommen ungemein, besonders den Kindern. Maiia als leidenschaftliche Köchin bringt ihre heimische Küche auf den Esstisch. Und Gudrun Bickenbach kramt ihre Deutschbücher wieder hervor, um gemeinsam mit ihren Gästen zu lernen. Maiia versucht im Gegenzug, Bickenbach ihre Sprache beizubringen. Daneben machen sie Ausflüge in die Region, zum Beispiel nach Metabolon in Lindlar.

 

„Natürlich gibt es auch mal Reibungen“, sagt Bickenbach. Es sei nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. „Dann redet man miteinander, steckt die Grenzen ab, dann läuft es wieder.“ Maiia und ihre Familie sind nunmal auch nicht zum Spaß in Gummeroth. Besonders die 18-jährige Bohdana hat großes Heimweh und habe auch schon zurück nach Kiew gewollt. Zu Juri hat Maiia regelmäßig Kontakt, in der ersten Zeit telefonieren sie jeden Tag. „Ihm geht es gut, wir vermissen uns sehr“, sagt Maiia, der sofort die Tränen kommen, wenn sie von ihrem Partner spricht.

 

Zu den größten Herausforderungen in dieser Ausnahmesituation werden die notwendigen Behördengänge. Bickenbach meldet ihre Familie direkt am ersten Tag telefonisch an. Sie bekommen einen Termin für den 17. März, also rund eine Woche später. Ihre Hoffnungen, schnell die ihnen zustehenden Sozialleistungen und einen Krankenschein zu erhalten, erfüllen sich aber nicht. Mehr als das Aufnehmen des Antrags passiert beim ersten Besuch im Rathaus noch nicht. Das wird zum Problem, als Maiia nach etwa zwei Wochen über heftige Schmerzen klagt. Ohne Krankenschein bekommen sie nur schwerlich Hilfe, letztlich schaut sich Bickenbachs Hausärztin die Ukrainerin an und stellt eine Nierenkolik fest. Maiia muss ins Krankenhaus, dort wird ihr geholfen, auch ohne Krankenschein.

 

Den nächsten Termin bei der Stadt bekommen sie am 7. April. Der Antrag ist aber noch immer nicht bearbeitet – für Bickenbach unverständlich. Sie weiß nicht, wie sie Maiia erklären soll, dass ihre Schwester unbürokratisch und schnell Unterstützung bekommen hat, sie selbst aber warten soll. Die Situation im Rathaus schaukelt sich zu diesem Zeitpunkt hoch und es kommt zu einer heftig geführten verbalen Auseinandersetzung zwischen allen Beteiligten, an deren Ende es für Maiia einen Krankenschein und schonmal 250 Euro gegeben habe. Die ihr zustehenden Leistungen gab es schließlich nach mehr als acht Wochen. So lange muss die ehemalige Grundschullehrerin finanziell in die Bresche springen. Kostete der Wocheneinkauf für sie selbst vorher 30 Euro, landen seit Anfang März Waren für 70 bis 80 Euro auf dem Kassenband. Gudrun Bickenbach und ihre ukrainische Familie fühlen sich im Stich gelassen. „Ich habe einige Nächte nicht schlafen können.“

 

Das sagt die Verwaltung

 

Der Stadt Gummersbach ist der Vorgang bekannt, die Verwaltung möchte sich aber zu Details nicht weiter öffentlich äußern. Die lange Wartezeit habe aber gerade in den ersten Wochen, nachdem die Kriegsvertriebenen auch nach Oberberg kamen, vielfältige Gründe. Da es keinen funktionierenden Verteilmechanismus gab und viele Menschen von privaten Helfern in der Republik verteilt wurden, seien innerhalb kürzester Zeit sehr viele Hilfsbedürftige in der Stadt angekommen. Bis heute seien 676 Kriegsvertriebene in der Kreisstadt gemeldet (in Oberberg insgesamt sind es knapp 3.200 Personen), Anträge beim Sozialamt wurden 631 gestellt. Von dieser Zahl waren nicht einmal 20 Menschen von der Bezirksregierung der Stadt Gummersbach zugewiesen worden, die anderen kamen über private Initiativen.

 

Ohne ein vom Bund strukturiertes Verfahren und ohne Vorbereitungszeit hätten Termine vergeben werden müssen, um die Anträge einigermaßen geordnet entgegennehmen zu können. Je nach Größe der Familie ein Verfahren, dass länger als eine Stunde dauern könne. Anschließend müsse erst der Bedarf für Sozialleistungen klar abgeklärt werden, vorher sei auch keine Ausgabe von finanzieller Hilfe möglich gewesen. Auch dies habe Zeit benötigt, zumal erst jene Anträge geprüft worden seien, bei denen die Menschen noch keine Unterkunft in Sicht hatten (etwa 20).

 

Zu der hohen Zahl an Anträgen sei es dazu noch zu pandemiebedingten Personalausfällen gekommen, sodass zwischenzeitlich auch die Schulsekretariate bei der aufwendigen Eingabe der Fachverfahren unterstützt hätten. Tatsächlich habe es bis Ende April gedauert, um das Antragsvolumen abzuarbeiten. Inzwischen könne das Amt auch wieder ohne vorherige Terminvergabe helfen.

 

Die Gummersbacher Verwaltung betont, dass sie sich sehr über die Willkommenskultur in der Kreisstadt freue und jedem Gummersbacher dankbar sei, der sich um die Kriegsvertriebenen bemühe. In diesem Zusammenhang weist sie auf die städtische Ehrenamtskoordinatorin Tabea Kirchner hin, bei der auch Menschen, die Ukrainer bei sich aufgenommen haben, eine Beratung finden.

 

Die Erlebnisse beim Amt hätten sie kurz zweifeln lassen, ob es eine gute Idee war, eine Familie aus der Ukraine aufzunehmen, sagt Bickenbach. „Vielleicht war ich zu blauäugig. Es gab viel zu wenig Unterstützung für die Menschen von kommunaler Seite, gerade finanziell war die Belastung enorm, weil wir so lange warten mussten. Das war eine bittere Erfahrung“, meint sie. „Jeder, der mit dem Gedanken spielt zu helfen, sollte sich auch diesen Umständen bewusst sein. Das ist nicht zu unterschätzen.“

 

Doch es überwiegen die guten Gefühle. Denn nicht nur mit Maiia, Bohdana und Sviatoslav verbindet sie inzwischen ein enges Band. Auch Gummerother hätten sich rührend gekümmert und immer wieder unterstützt. Sei es beim Übersetzen oder beim Einkaufen. „In dieser Form habe ich das in den ganzen 40 Jahren noch nicht erlebt, seitdem ich hier wohne.“

 

Seit der zweiten Maiwoche haben Maiia und ihre Kinder nun ihre eigenen vier Wände. Als Mieter tritt die Stadt auf, was ohne Probleme funktionierte. Ab 1. Juni werden Geflüchtete aus der Ukraine dann nach dem Sozialgesetzbuch II unterstützt, das Jobcenter wird also zuständig sein. Am engen Kontakt zwischen Maiia und Gudrun Bickenbach hat der Umzug indes nichts geändert. Sie schreiben sich täglich und die 67-Jährige hilft, wo sie kann. Die Ukrainerin wird niemals vergessen, was ihre „Babuschka“ für sie getan hat. „Sie war sofort wie eine Mutter für mich“, sagt sie unter Tränen. Jetzt hoffen sie alle gemeinsam, dass der Krieg so schnell wie möglich ein Ende findet - und sie zurückkönnen in ihre Heimat.

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