POLITIK
„Der tägliche Gang durch den Ort ist mir wichtig“
Marienheide – Seit 1. November ist Sebastian Heimes Bürgermeister – Im OA-Interview spricht er über die ersten Wochen seiner Amtszeit, wichtige Projekte, Metzgerbesuche und die politische Landschaft.
Von Leif Schmittgen
Seit 1. November ist Sebastian Heimes Bürgermeister von Marienheide. Oberberg-Aktuell hat mit dem ehemaligen Banker über die erste Zeit im Amt, die Zukunft, flache Hierarchien, zahlreiche Bekanntschaften und den Besuch beim örtlichen Metzger gesprochen.
OA: Herr Heimes, wie haben Sie sich im Rathaus eingelebt?
Heimes: Ich bin von meinem kleinen, aber feinen Team wunderbar empfangen worden. Das war mir als „Fachfremder“ auch sehr wichtig. Ich habe von allen Seiten die größtmögliche Unterstützung erhalten, wofür ich sehr dankbar bin. Ich habe alle Kollegen nach meinem Amtsantritt zu einem Umtrunk eingeladen und mich bei jedem Kollegen persönlich vorgestellt. Es herrscht ein angenehmes Miteinander. Eine besondere Freude war es mir, meinen Vater als Bauhofsmitarbeiter, mit dem ich noch eine Woche zusammengearbeitet habe, in den wohlverdienten Ruhestand zu verabschieden.
OA: Das heißt, Sie bereuen den beruflichen Wechsel – Ihr Büro liegt vis-à-vis zu Ihrem ehemaligen Arbeitsplatz bei der Bank – bis jetzt nicht, oder schmerzt Sie der Blick über die Straße?
Heimes: Nein, auf keinen Fall. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich gerne zurück, meine Arbeit jetzt aber konzentriert sich voll und ganz auf die Gemeinde. Ich war in der Vermögensberatung tätig. Der einzige Wermutstropfen ist, dass ich in der Verwaltung kein Geld anlegen kann, sondern meine Augen auf Kreditaufnahmen richten muss (lacht). Ich werde in der nächsten Zeit „Tagespraktika“ in jeder Abteilung durchführen, um die Arbeitsabläufe besser zu verstehen.
OA: Könnte dabei nicht eventuell der Eindruck von Kontrollzwang entstehen?
Heimes: Den möchte ich keinesfalls erwecken. Im Gegenteil: Mir sind flache Hierarchien sehr wichtig und mein Vorhaben ist von allen Seiten begrüßt worden.
OA: Bedeuten die flachen Hierarchien auch, dass Sie jedem Ihrer Mitarbeiter sofort das „Du“ angeboten haben?
Heimes (lacht): Das ist gar nicht nötig, weil ich fast alle Mitarbeiter schon vorher kannte und das "Du" mit den meisten sowieso schon galt. Ich komme aus dem Vertrieb und bin im Ort bestens vernetzt. Nicht zuletzt durch die Bürgerstiftung bestanden viele Kontakte schon vorher. Meine Familie ist im Ort verwurzelt, ich habe viele Jahre in Marienheide Handball gespielt und ich engagiere mich schon lange im Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr. Das Trompetenspielen werde ich in jedem Fall auch weiter betreiben.
OA: War das auch ein Grund, warum Sie sich nach Anfrage der CDU dazu entschlossen haben, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren?
Heimes: Meine Frau scherzte schon vorher: Sollte ich kandidieren, würde ich – weil mich sowieso jeder kennt – etliche Stimmen erhalten. Auch das hat mich ermutigt, meinen Hut in den Ring zu werfen und den Schritt als bislang verwaltungsfremder Quereinsteiger zu wagen.
OA: Stichwort Quereinsteiger: Gibt es etwas, was Sie in Bezug auf Ihre neue Tätigkeit wirklich gar nicht auf dem Schirm hatten?
Heimes: Die Strukturen in der Verwaltung sind straffer als in der freien Wirtschaft und Entscheidungen können nicht ganz so schnell und spontan getroffen werden. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Von meinen Fachbereichsleitern und meinem persönlichen Umfeld habe ich aber wertvolle Tipps erhalten, sodass ich mich auf die neuen Strukturen einstellen konnte. Außerdem hat mir Stefan Meisenberg seine Unterstützung angeboten, falls ich sie benötige. Und ich war überrascht von der „angenehmen Ruhe“. Bei der Bank ging es doch oft deutlich hektischer zu und hier im Rathaus ist nach 16 Uhr Stille eingekehrt.
OA: Was machen Sie anders als Ihr Amtsvorgänger?
Heimes: Stefan Meisenberg war sein gesamtes berufliches Leben Beamter. Das ist bei mir anders. Ich habe in den vergangenen 15 Jahren viel Netzwerkarbeit geleistet und das möchte ich auch beibehalten. Deshalb ist mir der tägliche Gang durch den Ort während der Mittagspause sehr wichtig. Ich möchte beim Metzger erfahren, was es Neues gibt und von den Menschen auf der Straße erfahren, wo der Schuh drückt. Diese Nähe zum Bürger ist mir sehr wichtig und Teil meiner Arbeit. Ich bin froh, dass wir als erste Kommune im Oberbergischen Kreis eine eigene App für Mitteilungen und Neuigkeiten eingeführt haben. Die Digitalisierung wird immer wichtiger, weshalb ich mich selbst auch regelmäßig in den sozialen Netzwerken bewege und regelmäßig poste. Das schafft Transparenz.
OA: Wo drückt denn der Schuh bei der Gemeinde? Gibt es Dinge, die Sie am liebsten sofort erledigt wissen wollen?
Heimes: Als Erstes fällt mir dazu die Sanierung der Rathaustreppe ein. Rund 900.000 Euro kostet die Sanierung, wobei wir zunächst vom Schlimmsten ausgehen. Wir wissen nicht, was uns darunter erwartet. Schäden Elektrik. Die Instandsetzung muss jetzt schleunigst beginnen, denn es handelt sich auch um das symbolische Entree der Gemeinde. Um Kosten zu sparen, haben wir zunächst auf die Renovierung des Bürgerservice verzichtet. Das Thema werden wir später separat besprechen. Außerdem freue ich mich darauf, dass der Ausbau des Feuerwehrgerätehauses im Zentrum nun unmittelbar bevorsteht. Außerdem werden zeitnah die Erweiterungen der Grundschulen begonnen.
OA: Und was sollte nach Möglichkeit bis zum Ende Ihrer ersten Amtszeit erledigt sein?
Heimes: Wir müssen dringend an Konzepten arbeiten, wie wir dem Ärztemangel entgegenwirken können. Es müssen Nachfolger für die bestehenden Praxen geworben werden, um die medizinische Versorgung auch in Zukunft langfristig sicherzustellen. Beim Ortskernumbau müssen wir Gas geben, um keine Fristen verstreichen zu lassen. Deswegen haben wir in Kürze einen Termin mit der Kölner Bezirksregierung, um über die Möglichkeiten zur Verlängerung des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts zu sprechen. Als Nächstes ist nun die Sanierung auf dem Dr.-Oscar-Kayser-Platz vorgesehen, um dann möglichst zügig die Tiefgarage auf dem Heierplatz voranzubringen. Rund vier Millionen Euro muss die Gemeinde dafür aus eigener Tasche investieren. Erst dann kann das oberirdische Areal wiederum mit Fördermitteln hergerichtet werden. Erst dann ist der 2018 begonnene Ortskernumbau mit der Umgestaltung des Areals abgeschlossen.
OA: Warum kam es denn zu derartigen Verzögerungen bei den Bauarbeiten?
Heimes: Da spielt meines Erachtens die Coronakrise eine große Rolle. Es kam zu Lieferschwierigkeiten wegen Materialmangels und bei vielen Betrieben fehlen die Fachkräfte.
OA: Einiges wurde trotzdem bereits fertiggestellt…
Heimes: Ich bin begeistert, wie z. B. das Heilteichgelände angenommen wird. Dort haben wir einen erfolgreichen Weihnachtsmarkt mit vielen zufriedenen Besuchern erleben dürfen. Inzwischen hat sich ein Verein gegründet, in dem die Mitglieder regelmäßige Veranstaltungen auf dem Areal planen. Ebenso freue ich mich, dass der neue Multifunktionsplatz für den Nachwuchs bald eröffnet wird. Die richtige Entscheidung – so die Rückmeldung der Verantwortlichen – war der Umzug des Jugendzentrums vom Gesamtschulgelände ins Ortszentrum. Dort halten sich während der Öffnungszeiten regelmäßig 15 bis 20 Jugendliche auf.
OA: Und nun die eigentlich obligatorische Frage zum Schluss: Wie beurteilen sie die neuen politischen Machtverhältnisse im Gemeinderat?
Heimes: Alle Ratsmitglieder wurden demokratisch legitimiert und deswegen lade ich alle zum Dialog ein. Wir sollten uns nicht von bundespolitischen Entscheidungen hinreißen lassen, sondern immer zum Wohle der Gemeinde handeln. Ich könnte mir vorstellen, dass es an der einen oder anderen Stelle auch mal kracht. Dabei sollte man das Ziel, etwas zu bewirken, aber nie aus den Augen verlieren.
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