POLITIK
Immer mehr Ratten werden gesichtet
Nümbrecht – Verwaltung, GWN und Schädlingsbekämpfer informierten im Bauausschuss über aktuelle Situation – Bei Befall auf Privatgelände müssen Bürger handeln – Ein Faktor könnte eine veränderte EU-Verordnung spielen.
Von Lars Weber
Ratten finden viele Menschen nicht nur ekelig oder haben gar Angst vor ihnen. Die Nager übertragen bekannterweise auch Krankheiten (wie Leptospirose oder Hantaviren). Wo Ratten auftauchen, ist dementsprechend Handlungsbedarf. In Nümbrecht gab es in den vergangenen Wochen nun immer mehr Meldungen über Rattensichtungen in heimischen Gärten. Sogar aus der Kloschüssel sollen sie einmal gegrüßt haben. Ein höheres Aufkommen in den Sommermonaten sei zwar per se nichts ungewöhnliches, hieß es bei der jüngsten Bauausschusssitzung im Nümbrechter Rathaus seitens der Verwaltung. Jedoch lasse die Häufigkeit der gemeldeten Sichtungen den Schluss auf eine starke Vermehrung der sonst üblichen Populationsgrößen zu. In den vergangenen Jahren habe es keine Anrufe der Bürger zu dem Thema im Rathaus gegeben. „Dieses Jahr sind es bereits 27“, sagte Bürgermeister Thomas Hellbusch. Auch das Ordnungsamt selbst habe die Nager schon gesichtet. Darum möchte die Verwaltung für das Thema sensibilisieren.
Zum Thema sprachen im Ausschuss Markus Rolland, bei den Gemeindewerken GWN Leiter Kanal Abwasser, und der Schädlingsbekämpfer Marco Friedrichs. Friedrichs hat bereits 30 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet. Ein Faktor für die aktuelle Entwicklung könnte eine von der EU geänderte Biozidverordnung sein, die die flächendeckende Ausbringung von Giftködern in den Kanalnetzen im Rahmen der Prävention verbietet. Demnach dürfen die Giftköder für Ratten nun nur noch gezielt und verhältnismäßig eingesetzt werden. Sichtkontrollen und gezielte Maßnahmen hätten Vorrang vor flächendeckender Beköderung. Die Bekämpfungsmaßnahme muss zudem dokumentiert werden. Rodentiziden (Blutgerinnungshemmern) dürfen nur von sachkundigen, geschulten Personen durchgeführt werden.
Friedrichs kontrolliert im Auftrag der GWN die Kanalschächte im gesamten Gemeindegebiet. Erst bei tatsächlicher Sichtung von Spuren oder Kot werden Giftköder, in der Regel in wasserdichten Köderboxen, in diesen Schächten platziert. Anschließend werden Nachkontrollen durchgeführt, bis keine Köderannahme mehr registriert wird. Die Giftköder werden dann zum Schutz des Grundwassers wieder entnommen.
Die Gemeindewerke verfügen selbst über zugelassene festmontierte Köderboxen, die von Sachkundigen bestückt würden. Darüber hinaus werden mobile Köderboxen bei Akutbefall eingesetzt. Die Kanal-Bekämpfungsmaßnahme im ganzen Gemeindegebiet werde jährlich durchgeführt.
Da sich die Befallsstärke in den Kanälen aber kaum verändert habe, zeigen sich die Auswirkungen der veränderten Biozidverordung wohl vor allem oberirdisch – denn sie verändert den heimischen Kampf gegen die Nager. „Vogelfutter und Hühnerfutter sind die Themen Nummer 1“, sagte Friedrichs. Auch der Kompost sei für die Tiere interessant, so Rolland. Wo Ratten leicht an ihr Futter kommen, siedeln sie sich an und bauen sich Nester in die Erde. „Sie leben nicht im Kanal.“ Wird das Problem bemerkt und das Futter ist nicht mehr erreichbar, wagen sich die Nager weiter vor. Um dem Problem Herr zu werden, griffen Privatleute früher auch zu blutgerinnungshemmenden chemischen Rattengiften aus dem Baumarkt. Diese sind nun aber nicht mehr erlaubt, wofür die Fachleute auch Verständnis zeigten. Da die Tiere aber sehr lernfähig sind, seien mit nun erlaubten Schlag- oder Lebendfallen höchstens Jungtiere zu fangen. Die Ausbreitung falle also leichter.
Die Gemeinde Nümbrecht und die Gemeindewerke Nümbrecht appellieren nun insbesondere auch an die privaten Grundstückseigentümer: Diese seien auf ihrem eigenen Grundstück verantwortlich. Sie müssen bei Befall selbst einen sachkundigen Schädlingsbekämpfer beauftragen. Sichtungen sind zudem entsprechend der Meldepflicht dem zuständigen Ordnungsamt oder Gesundheitsamt zu melden. Die Kosten für eine Schädlingsbekämpfung seien pauschal nicht zu beziffern, zu sehr kommt es auf den Befall oder die Situation vor Ort an. „Die Gemeinde hat kaum eine Chance, weiter einzugreifen“, sagte Hellbusch. Deshalb müssen die Bürgerinnen und Bürger nun aufmerksam sein. „Irgendwann gibt es sonst ein Gesundheitsproblem“, sagte der Bürgermeister.
Die Gemeinde hat einen Leitfaden zusammengestellt, was bei einem Befall zu tun ist und vor allem, wie man den unerwünschten Besuch vermeiden kann. Hier gibt es den Leitfaden.