POLITIK
Liste mit möglichen Einsparungen: Setzt die Politik jetzt den Rotstift an?
Oberberg – Landrat Klaus Grootens brachte den Doppelhaushalt 2027/2028 ein – Kreisumlage wird steigen – Landrat appelliert an Land und Bund – Werden Ordnungspartnerschaft, Oberberg Fairsorgt oder der Zuschuss für die Schwalbe-Arena gestrichen?
Von Lars Weber
„Die kommunale Familie befindet sich in einer Situation, die ich als Zustand der maximalen finanziellen Überforderung bezeichne.“ Landrat Klaus Grootens hat bei der Einbringung des Doppelhaushalts des Kreises für die Jahre 2027 und 2028 klare Worte gefunden – für die Finanzen des Kreises und der Kommunen, aber auch für Land und Bund, die mit immer neuen Aufgaben und Gesetzen die kommunalen Haushalte über das Limit hinaustreiben, "ohne für die bestellte Musik selbst zu zahlen". Ministerpräsident Wüst habe er schon angeschrieben, Bundeskanzler Merz ebenso, so Grootens. Mit den finanziellen Realitäten müssen Kreis und Kommunen aber jetzt umgehen. Beim Kreis heißt das: Die Umlage für die klammen Kommunen wird steigen. Der Landrat stellte dar, wo seine Verwaltung spart und präsentierte den Kreistagsmitgliedern eine prominent besetzte Liste mit Vorschlägen potenzieller Einsparungen quer durch die Fachbereiche. Die Haushaltsberatungen könnten besonders hitzig werden.
Bereits bei den Doppelhaushalten zuvor musste Grootens, damals noch Kämmerer hinter Landrat Jochen Hagt, mit den schwierigen Rahmenbedingungen umgehen. Diese hätten sich nochmals verstärkt. „Die wirtschaftliche Entwicklung droht in Deutschland in entscheidenden Bereichen wegzubrechen.“ Dies spürten die Unternehmen, aber auch die 13 Städte und Gemeinden im Kreis und alle anderem in NRW ebenso. So endete 2025 für die Kommunen in NRW mit einem historischen und „schockierenden“ Rekorddefizit von insgesamt 9,3 Milliarden Euro. „Damit hat sich in nur zwei Jahren das Defizit fast vervierfacht.“ Entlastungen, beispielsweise vom Land, das den Verbundsatz erstmals seit den 80er-Jahren anhob, reichten nicht.
Denn die Krise sei neben einer Einnahmenkrise vor allem auch eine strukturelle Ausgabenkrise, so Grootens weiter, „deren Ursachen fast vollständig außerhalb des kommunalen Einflussbereichs liegen“. Es seien bundes- und landesrechtliche Vorgaben, kontinuierlich steigende gesetzliche Leistungsansprüche, der demographische Wandel und damit einhergehende Fallzahlen sowie inkonsequente Förderkulissen, die die kommunalen Haushalte sprengen.
Die maßgeblichen Zahlen
Der Kreishaushalt weist für das Jahr 2027 ein Gesamtvolumen von rund 670 Millionen Euro auf. Die steigenden Aufwendungen treffen auf sinkende Umlagegrundlagen. Um seine gesetzlichen Aufgaben weiterhin erfüllen und finanzieren zu können, will der Oberbergische Kreis die Kreisumlage anheben. Der Hebesatz der Allgemeinen Kreisumlage soll von derzeit 39,4 Prozent auf 44,4 Prozent im Jahr 2027 und 46,3 Prozent im Jahr 2028 steigen. Auch die Jugendamtsumlage wird angehoben. Für die Städte und Gemeinden bedeutet das eine zusätzliche Belastung: Ihre Zahllast erhöht sich im Jahr 2027 gegenüber dem Vorjahr um insgesamt nahezu 32 Millionen Euro. Für 2028 ist eine weitere Steigerung um rund 21 Millionen Euro vorgesehen.
Grootens nannte nur wenige Beispiele aus einer langen Liste: Vom GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, mit dem die Defizite bei den kommunalen Trägern des Rettungsdienstes und in den kommunalen Krankenhäusern steigen werden, über wegfallende Personalkostenerstattungen für den Öffentlichen Gesundheitsdienst, die einst bei der Pandemie zugesichert worden waren, bis hin zur Unterbringung und Versorgung von geflüchteten Menschen. Die dafür nötigen finanziellen Aufwendungen stellten den Kreishaushalt weiterhin vor große Herausforderungen. Der Landrat betonte hier angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels die Wichtigkeit eines „geregelten Zuzugs“.
Eine wesentliche Belastung sei weiter die steigende Umlage an den Landschaftsverband Rheinland. Die Zahllast des Oberbergischen Kreises erhöhe sich von 97,3 Millionen Euro im Jahr 2026 auf voraussichtlich 110,7 Millionen Euro im Jahr 2027. Für 2028 werden bereits 117,7 Millionen Euro erwartet. Auch die eigenen Sozialaufwendungen steigen deutlich. Allein bei der Eingliederungshilfe und der Hilfe zur Pflege ergeben sich gegenüber dem Haushaltsansatz 2026 Mehraufwendungen von 8,9 Millionen Euro. Im Jugendhilfeetat steigen die Aufwendungen um weitere 6 Millionen Euro auf insgesamt 154,3 Millionen Euro im Jahr 2027.
Klarmachen wollte Grootens auch im Schulterschluss mit den oberbergischen Bürgermeistern (deren Einlassung im Rahmen des Benehmensverfahrens gibt es hier) mit seinen Zahlen und Beispielen: Die Führungspersonen in 396 Kommunen und 31 Kreisen im Bundesland sind „nicht zu blöd oder ohne Haushaltsdisziplin“. Er appellierte an Bund und Land, die strukturelle Unterfinanzierung der kommunalen Ebene anzugehen und das Konnexitätsprinzip konsequenter umzusetzen. Die Kommunen müssten in die Lage versetzt werden, ihre Aufgaben dauerhaft zu erfüllen.
Auch der Kreis nutze eigene Konsolidierungsmöglichkeiten. So wird die verbleibende Ausgleichsrücklage von voraussichtlich rund 4 Millionen Euro eingesetzt. Auch das Instrument des Verlustvortrags wird genutzt. Ein weiteres Zeichen sei die Reduzierung des Stellenplans um zwei Stellen gegenüber der bisherigen Planung. Ergänzend werde zudem ein globaler Minderaufwand von zwei Prozent der Personalkosten eingeplant. Dabei muss es nicht bleiben. Der Kreis hat eine Liste zusammengestellt mit möglichen Einsparungen an freiwilligen Leistungen (siehe Kasten), die für Gesprächsstoff in den Haushaltsberatungen sorgen werden.
Welche Projekte und Zuschüsse zur Diskussion stehen
Dabei geht es unter anderem um die Fortführung einzelner Projekte und Angebote sowie um mögliche Anpassungen bei Gebühren und Entgelten. Auf der Liste steht zum Beispiel die Ordnungspatenschaft zwischen Kreisordnungsamt, den Ordnungsämtern der Kommunen und der Kreispolizeibehörde. Sie gilt als Erfolgsprojekt, kostet jährlich aber auch 600.000 Euro. Ebenfalls als Erfolgsprojekt gilt Oberberg Fairsorgt. Dabei wird gerade ohnehin über die weitere Fortführung diskutiert, weil die Förderung ausgelaufen ist. Rund eine halbe Million Euro könnte man einsparen im Jahr. Mit jährlich 130.900 Euro beteiligt sich der Kreis auch an den Betriebskosten der Schwalbe-Arena, dafür darf der OBK die Halle viermal im Jahr nutzen. 340.000 Euro im Jahr zahlt der Kreis über die OVAG/ÖPNV-Pauschale für den privaten Sicherheitsdienst am Gummersbacher Busbahnhof. Bei all diesen und weiteren Themen muss die Politik nun in die Diskussion gehen und abwägen: Was lohnt sich wirklich, wo sollte man gewonnene Strukturen nicht aufs Spiel setzen, wo kann man vielleicht die Ausgaben zumindest reduzieren?
Bauliche Projekte stehen nicht auf der Liste. Dem Vorschlag der oberbergischen Bürgermeister, den Kreishausanbau mit einer Investition von rund 93 Millionen Euro erneut zu überdenken, erteilte der Kreis eine Absage. Zum einen solle sich die Finanzierung nicht negativ auf die Kreisumlage auswirken, zum anderen soll damit auf Sicht Geld gespart werden, weil der Kreis nicht mehr etliche weitere, veraltete Gebäude unterhalten muss.
Möglich seien weiter Erhöhungen von Gebühren (wie bei der Mittagsverpflegung der Schulen) oder Eintrittsgeldern (wie beim Schloss Homburg).
Trotz der schwierigen finanziellen Lage sollen wichtige Zukunftsaufgaben des Kreises nicht aus dem Blick geraten. Investitionen in Schulen, Katastrophenschutz und Infrastruktur sowie die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes bleiben laut Grootens wichtige Anliegen. Auch Angebote in den Bereichen Gesundheit, Ehrenamt und Dorfentwicklung tragen wesentlich zur Lebensqualität im Oberbergischen bei.
Der Haushaltsentwurf wird nun in den Ausschüssen beraten. Am 17. Dezember soll der Kreistag darüber entscheiden.
KOMMENTARE
Jeder Nutzer dieser Kommentar-Funktion darf seine Meinung frei äußern, solange er niemanden beleidigt oder beschimpft. Sachlichkeit ist das Gebot. Wenn Sie auf Meinungen treffen, die Ihren Ansichten nicht entsprechen, sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Die Einstellung folgender Inhalte ist nicht zulässig: Inhalte, die vorsätzlich unsachlich oder unwahr sind, Urheberrechte oder sonstige Rechte Dritter verletzen oder verletzen könnten, pornographische, sittenwidrige oder sonstige anstößige Elemente sowie Beschimpfungen, Beleidigungen, die illegale und ethisch-moralisch problematische Inhalte enthalten, Jugendliche gefährden, beeinträchtigen oder nachhaltig schädigen könnten, strafbarer oder verleumderischer Art sind, verfassungsfeindlich oder extremistisch sind oder von verbotenen Gruppierungen stammen.Links zu fremden Internetseiten werden nicht veröffentlicht. Die Verantwortung für die eingestellten Inhalte sowie mögliche Konsequenzen tragen die User bzw. deren gesetzliche Vertreter selbst. OA kann nicht für den Inhalt der jeweiligen Beiträge verantwortlich gemacht werden. Wir behalten uns vor, Beiträge zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen.