POLITIK
Piktogramme und Schilder ohne Effekt: Nümbrecht möchte selbst blitzen
Nümbrecht – Eine mögliche Gesetzesänderung könnte den Weg für die Kommune freimachen – Bürgermeister Hellbusch möchte so für mehr Sicherheit in den Orten sorgen – Landkreistag und Städte- und Gemeindebund mit unterschiedlichen Auffassungen zum Thema.
Von Lars Weber
Bislang ist die Sache klar: Das Blitzen im Oberbergischen liegt aktuell im Zuständigkeitsbereich der Polizei und des Kreisordnungsamts. Nur Kommunen mit mehr als 60.000 Einwohner können sich selbst überlegen, ob sie auch selbst die Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer auf diese Weise überprüfen möchten, so sieht es das Ordnungsbehördengesetz des Landes NRW vor. Noch, möchte man hinzufügen. Denn die schwarz-grüne Koalition im Landtag hat einen Änderungsentwurf vorgelegt, der auch kleinen Städten und Gemeinden das Recht auf eigene Blitzer zugestehen würde. Noch vor der Sommerpause könnte die Gesetzesanpassung beschlossen werden. Die Gemeinde Nümbrecht könnte dann eine der ersten Kommunen sein, die diese Option nutzt. Jedenfalls möchte die Verwaltungsspitze um Bürgermeister Thomas Hellbusch diese Alternative nun prüfen, um die Raser in den Ortschaften zu erziehen. Denn auf Schilder und Piktogramme scheinen sie nicht zu reagieren.
Neu ist das Thema in den politischen Gremien der Gemeinde nicht. Im Laufe der vergangenen Jahre setzte man sich immer wieder mit Bürgeranträgen auf Tempo 30 in diversen Ortschaften auseinander, immer wieder wurden Schilder aufgestellt – und immer wieder musste die Verwaltung feststellen: Vielen Autofahrern ist die Vorgabe egal, der Fuß bleibt auf dem Gas, wie im jüngsten Bauausschuss exemplarisch an der Berkenrother Straße in Berkenroth bilanziert werden musste.
Als „entscheidenden Schritt für mehr Sicherheit auf den Straßen“ bewertet der Städte- und Gemeindebund die mögliche Gesetzesänderung. Die Verkehrsüberwachung in kleineren Orten ausschließlich durch Kreise und Polizei führe „in der Praxis oft zu einer unzureichenden Kontrolldichte“. Es gibt Gefahrenstellen, etwa bei Kindergärten, Schulen oder Seniorenheimen, wo die Kreise oftmals notwendige Kontrollen trotz der Hinweise der Städte und Gemeinden nicht durchführen, auch weil Kapazitäten dafür fehlten, so Christof Sommer, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes NRW.
Die bisherige Zusammenarbeit mit Kreis und Polizei müsse darüber hinaus fortgesetzt werden. Das schließe auch die Abstimmung von Verkehrssicherheitskonzepten ein: „Vielerorts haben wir bereits bewährte Verfahren und funktionierende Kooperationen, das wird so bleiben. Einen Wildwuchs der Kontrollen wird es nicht geben, da wir im engen Austausch miteinander bleiben.“
Dort wurden zum ersten Mal nicht nur Schilder aufgestellt, sondern zusätzlich mit Piktogrammen auf der Straße versucht, die Botschaft an die Autofahrer noch deutlicher zu senden. Vorher und nachher wurde gemessen. „Die Ergebnisse sind sehr ernüchternd“, macht Bürgermeister Hellbusch deutlich. „Die Piktogramme hatten keinerlei Effekt.“ Vorher lag die Durchschnittsgeschwindigkeit an der Berkenrother Straße 25 bei 42 Stundenkilometern, mit Piktogrammen bei 43. Die höchste gemessene Geschwindigkeit bei einer Anzahl an Fahrzeugen zwischen 764 (davor) und 855 (danach) lag bei 70 und 69 Stundenkilometern. In anderen Tempo-30-Zonen nur mit Schildern ein ähnliches Bild: In acht von 17 Zonen ging die durchschnittliche Geschwindigkeit leicht runter, in acht ging sie leicht hoch, in einer Zone blieb sie gleich.
Von baulichen Mitteln wie der Anbringung von Fahrbahnkissen ist die Verwaltung kein Freund. Zum einen kosten die Kissen bis zu 20.000 Euro. Da kommt bei der Anzahl an Tempo-30-Zonen schnell ein sechsstelliger Betrag zusammen. Zum anderen machen sie auch dem Rettungsdienst, dem Winterdienst oder der Feuerwehr das Leben nicht einfacher.
„Wir lehnen eine Ausweitung der Zuständigkeit für die Geschwindigkeitsüberwachung auf kleine und mittlere Gemeinden entschieden ab“, teilt der Landkreistag NRW auf OA-Anfrage mit. „Eine solche Zersplitterung der Überwachungszuständigkeit würde im kreisangehörigen Raum zu unnötigen Doppelstrukturen führen, zusätzliches Personal binden und die Effektivität des Vollzugs schwächen.“ Es sei nicht nachvollziehbar, dass gerade in Zeiten leerer Haushaltskassen und massiven Fachkräftemangels zusätzliche Strukturen für ein und dieselbe Aufgabe geschaffen werden sollen, die letztlich mehr Verwaltung statt mehr Sicherheit bedeuten würden.
Denn die Aufgabe der Geschwindigkeitsüberwachung beschränkt sich laut Landkreistag nicht auf die Geschwindigkeitsmessungen selbst mit den entsprechenden technischen Anlagen und dem dafür notwendigen Personal, sondern umfasst auch die Einrichtung einer Bußgeldstelle bis hin zur Organisation eines kommunalen Außen- und Ermittlungsdienstes. Zudem dürfe nicht überall geblitzt werden. „Für die Festlegung der Kontrollstellen müssen klare rechtliche Voraussetzungen erfüllt sein.“ Die Kreise, die zugleich als Ordnungs- und Kreispolizeibehörde tätig sind, verfügten über das fachliche Know-how und die nötigen Ressourcen, um Geschwindigkeitskontrollen nach einem flächendeckenden Gesamtkonzept gesetzeskonform, professionell und effektiv dort durchzuführen, wo sie notwendig und sinnvoll sind, ist der Landkreistag überzeugt.
Da kommt der Vorstoß von CDU und den Grünen im Land gerade recht. „Wir werden nun unsere Möglichkeiten prüfen“, sagt Hellbusch. Klar ist natürlich: Auch die Anschaffung einer Blitzeranlage wird Geld kosten, ebenso Unterhaltung und Bearbeitung. „Wir wollen schauen, ob das für uns finanzierbar ist“, so der Bürgermeister weiter. Im Vergleich zu den Fahrbahnkissen, wo man nur Geld ausgibt, würde die Kommune mit Blitzern natürlich auch Geld einnehmen. Dass diese Einnahmen dafür ausreichten, den Haushalt aufzubessern – wie Kritiker der Gesetzesänderung gerne einwerfen – glaubt Hellbusch aber nicht.
Blitzer würden in Nümbrecht von der Kommune vor allem in Wohngebieten aufgestellt. Viel Durchgangsverkehr und dementsprechend ein Mehr an Verwarngelder sieht Hellbusch da weniger – und sei auch gar nicht das Ziel. Stattdessen hätte man als Kommune ein probates Mittel, um die Geschwindigkeitsvorgaben durchzusetzen und mehr Sicherheit zu gewährleisten. Wenn sich Anschaffungskosten und Einnahmen die Waage hielten, wäre Hellbusch schon zufrieden.
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