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Schonungslose Analyse: Waldbröler Wehr fehlen 100 Kräfte

lw; 13.01.2022, 16:58 Uhr
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Archivfoto: Michael Kleinjung.
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Schonungslose Analyse: Waldbröler Wehr fehlen 100 Kräfte

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lw; 13.01.2022, 16:58 Uhr
Waldbröl – Brandschutzbedarfsplan im Haupt- und Finanzausschuss vorgestellt – Lange Mängelliste - Werbung um neue Mitglieder im Fokus.

Von Lars Weber

 

Ungenügende Gerätehäuser, schlechte Warnmöglichkeiten der Bevölkerung, Schutzziele, die nicht erreicht werden, Löschwasserdefizite und und und. Im Rahmen des neuen Brandschutzbedarfsplans hat Bernd Schneider vom Ingenieurbüro Donner und Marenbach die Gegebenheiten bei der Feuerwehr Waldbröl einer schonungslosen Analyse unterzogen. Die Ergebnisse stellte er gestern im Haupt- und Finanzausschuss vor. Längst nicht alles davon war eine Überraschung und es wurden auch bereits einige große Baustellen angegangen, allen voran die Planung und bald auch Umsetzung neuer Gerätehäuser. Doch die Ansage, dass der Feuerwehr rund 100 Kräfte fehlen, um die Richtlinien des Feuerwehrverbands zu erfüllen, trieb den Verantwortlichen die Sorgenfalten in die Stirn. Ein Überblick:

 

Das Personal

 

Das Schutzziel hört sich zunächst simpel an. Bei einem Brand der geringsten Gefahrenklasse sollten innerhalb von zehn Minuten sechs Kräfte am Einsatzort sein. Dabei geht die Theorie von fünf Minuten Fahrt zum Gerätehaus aus, von einer Minute Rüstzeit und vier Minuten Anfahrt zum Brand. 112 Männer und Frauen engagieren sich aktuell ehrenamtlich bei der Waldbröler Feuerwehr in jeweils zwei Löschzügen und -gruppen. Und trotzdem: Das Schutzziel wird tagsüber laut Schneider nicht erreicht. Innerhalb von fünf Minuten seien nur sechs Kameraden verfügbar. Mit einem Ausfallfaktor von 3,0 (zum Beispiel Urlaub, Krankheit) blieben rechnerisch sogar nur zwei Kräfte übrig.

 

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Ein Grund dafür: Tagsüber stehen laut der Analyse nur rund 30 Kräfte zur Einhaltung der Hilfsfristen zur Verfügung. Nur 34 der Ehrenamtler haben ihre Arbeitsstelle in Waldbröl. Dies sorgt für längere Wege und zeigt sich in der Auswertung von 233 Einsätzen. Dabei wurde nur in 41 Fällen der Einsatzort in acht Minuten erreicht. Bei 87 Einsätzen schaffte es die Wehr in zehn Minuten. In 80 Prozent der Fälle wurde der Einsatzort innerhalb von 12,5 Minuten erreicht. Um den Bedarf für eine Stadt mit rund 19.500 Einwohnern wie Waldbröl zu decken, benötige man knapp mehr als 200 Kräfte, so Schneider. Eine Zahl, die im Bundesschnitt bei vergleichbaren Städten durchaus erreicht werde – in der Marktstadt aber nur zu 50 Prozent.

 

Die Fahrzeuge

 

Die vorher gültige Brandschutzbedarfsanalyse stammt aus dem Jahr 2011. Dies ist vor allem deshalb relevant, weil der Bedarf bei den Fahrzeugen, der damals bereits ausgemacht wurde, nicht umgesetzt worden sei. Auch deshalb sind nun neben den reinen Ersatzbeschaffungen auch Erweiterungen erforderlich, sagte Schneider. Die Stadt hat dafür schon im Haushalt notwendige Ressourcen eingeplant, bis 2025 allein mehr als drei Millionen Euro für Fahrzeuge. Darunter zum Beispiel 900.000 Euro für eine neue Drehleiter, bei der auch einige Probleme analysiert wurden.  Wird das Brandschutzbedarfskonzept dieses Mal auch umgesetzt, wird es anschließend keine Defizite mehr auf diesem Gebiet geben.

 

Die Gebäude

 

Defizite gibt es auch hier reichlich. Neu sind diese aber mitnichten. Streng genommen ist gerade nur das Gerätehaus in der Stadt zu gebrauchen. Die Gebäude in Geilenkausen (Baujahr 1983), in Thierseifen (1972) und in Heide (1980) entsprechen weder technischen Anforderungen noch den Regeln des Arbeits- und Unfallschutzes. Abhilfe ist aber in Sicht. Für Thierseifen ist der neue Standort im Langenbacher Siefen bereits klar und der Bau wird voraussichtlich dieses Jahr starten. Kostenpunkt: mehr als drei Millionen Euro, die bereits eingeplant sind. Und auch für Heide und Geilenkausen würden schon neue Standorte favorisiert.

 

[Grafik: Bautec --- So könnte das neue Feuerwehrgerätehaus in Thierseifen aussehen.]

 

Weitere Mängel

 

Eine Warnung der Bevölkerung im Gefahrenfall ist im Moment kaum möglich. Zwar sind sieben Sirenen in der Kommune verteilt, dabei handelt es sich aber ausschließlich um Sirenen, um die Einsatzkräfte zu alarmieren. Noch in diesem Jahr könnte sich daran etwas ändern. Die Stadt möchte über das Sirenenförderprogramm an dieser Stelle Boden gut machen. Darüber hinaus fehlt es im Moment unter anderem an Brandschutzerziehungsangeboten, an einer Gefährdungsbeurteilung, an leichter Einsatzkleidung für Waldbrände oder auch an Brandschutzaufklärung. Da nicht alles an den Ehrenamtlern hängen kann und sollte, schlägt Schneider vor, fünf Stellen zu schaffen, zum Beispiel einen hauptamtlichen Gerätewart. Alle Neueinstellungen sollten zur Verbesserung der Tagesverfügbarkeit auch am Einsatzdienst teilnehmen.

 

So geht es jetzt weiter

 

„Erschreckt“ und „erschüttert“ sei man gewesen, als man die Zahlen zum ersten Mal gehört habe, so die Ausschussmitglieder gestern, die dem Brandschutzbedarfsplan einstimmig grünes Licht gaben. Bis 2027 sollen alle vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden, insgesamt 8,5 Millionen Euro an Investitionen sind bis 2025 zusätzlich zu den laufenden Kosten schon für die Feuerwehr eingeplant. Daniel Wendeler, seit Mitte 2020 Feuerwehrchef in Waldbröl, bezeichnete die Zusammenarbeit mit Schneider als sehr gut. „Das ist alles im Sinne der Kameraden. Das Ergebnis gibt einen Einblick in die Leistungsfähigkeit“, sagte Wendeler weiter. Feuerwehr, Stadt und Politik müssten nun zusammenarbeiten. Gerade, was die Mitgliederwerbung angeht, denn dies wurde von allen als größte Baustelle ausgemacht.

 

Bürgermeisterin Larissa Weber kündigte an, auf die Unternehmen in der Kommune zugehen zu wollen mit dem Ziel, die Tagesalarmkräfte zu erhöhen. Dabei gebe es laut Schneider zwei Modelle. Zum einen könnten an Arbeitsstellen, von denen bekannt ist, dass dort eine relevante Zahl an Einsatzkräften arbeitet, diese ab einem bestimmten Alarmstichwort zusätzlich zu den primären Einsatzkräften im Stadtgebiet alarmiert werden. Dabei sollten etwaige Umkleidemöglichkeiten und ein Einsatzfahrzeug vor Ort sein. Zum anderen könnten Feuerwehrleute, die Mitglied einer anderen Wehr im Kreis sind, aber in Waldbröl arbeiten, per Doppelmitgliedschaft die Waldbröler unterstützen.

 

Auch in anderen Teilen der Waldbröler Gesellschaft will Weber vorstellig werden, zum Beispiel bei den Glaubensgemeinschaften. Um den Wert des ehrenamtlichen Feuerwehrdiensts zu stärken, solle darüber hinaus eine Aufwandsentschädigung eingeführt werden.

 

Die ersten Maßnahmen, die in Sachen Mitgliederwerbung gelaufen sind, verpufften bislang. So erhielt Wendeler auf Werbung in einem Anzeigenblatt nicht eine Rückmeldung. „Wir sollten das professionell angehen, auch mithilfe einer Agentur“, meinte der Feuerwehrchef. Die jungen Menschen seien vor allem in sozialen Medien unterwegs. Ein Silberstreif am Horizont ist die Entwicklung bei der Jugendfeuerwehr. Dort wurden die Mitgliederzahlen innerhalb der vergangenen zehn Jahre immerhin verdoppelt (von 28 auf 56).   

 

Weitere Informationen zur Feuerwehr Waldbröl gibt es hier.

KOMMENTARE

1

Die Stadt Waldbröl braucht mehr berufliche Feuerwehrfachkräfte.

Amel Horozovic, 13.01.2022, 20:05 Uhr
2

Da hat die Kommune bei diesem Thema wohl leider ein Jahrzehnt oder mehr verschlafen. Das Problem liegt zum einen dort, zum anderen aber auch in Düsseldorf, wo im IM bereits seit mehreren Jahrzehnten geschlafen wird. Was hat man dort denn getan, um das Ehrenamt attraktiver zu gestalten? Außer vieler leerer Versprechungen nichts.

Jan, 14.01.2022, 06:53 Uhr
3

Da fragt man sich doch, wo die letzten 10 Jahre, seit dem letzten Brandschutzbedarfsplan, die zuständigen Aufsichtsperosnen- und Behörden, wie Kreisbrandmeister und Bezirksregierung waren?

Verwundert, 14.01.2022, 09:02 Uhr
4

Das Thema ist und wird natürlich auch sehr hoch und immer höher ausgehangen und der freiwilligen Feuerwehr auch immer mehr "aufgehalst".
Wegen jedem "Pups" wird heute gerne mal die 112 angerufen und die Feuerwehr über die Maßen herangezogen (bei den Berufsfeuerwehren ist das natürlich nicht anders) ... das können und wollen die Freiwilligen nicht mehr leisten, zumal ihnen auch immer weniger Dankbarkeit für dieses Ehrenamt entgegengebracht wird.
In Nümbrecht nerven z.B. auch bekannte, teilweise veraltete Brandmeldeanlagen (BMA) die unnötige Fehlalarme und Einsätze verursachen, wo man oft (Nachts) für raus muss.

Ein Nümbrechter Feuerwehrmann, 14.01.2022, 11:13 Uhr
5

Müssen geplante Feuerwehrhäuser, wie jetzt in Waldbröl-Thierseifen, oder bereits gebaute, wie z.B. in Nümbrecht-Winterborn, so aussehen und so groß sein das man dort locker eine Berufsfeuerwehr-Wache von Berlin, oder Köln vermuten könnte?
Wie hat das alle Jahre in diesen kleinen Orten so gut funktioniert und jetzt plötzlich nicht mehr?!
Man kann auch alles übertreiben und alles künstlich aufbauschen und dramatisieren!

Frank Tewes, 14.01.2022, 14:44 Uhr
6

Hallo zusammen,
Es gibt leider in Deutschland gewissen Vorschriften wie ein Feuerwehrhaus aus zu sehen hat.
Bevor man solche Kommentare schreibt sollen man sich ausreichend informieren.
Hier ein Link zu dem Thema Feuerwehrhäuser.
https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/1262
Danke an alle Waldbröler Feuerwehrleute und Frauen die freiwillig ihren Dienst machen um uns Bürger zu schützen. Dies ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich.
Ich hoffe Sie bekommen durch diesen Artikel mehr Zuwachs in Ihren Reihen.
Ich frage mich warum die Verwaltung dieses Problem so lange nicht angegangen ist?!

Ein Waldbröler Bürger , 14.01.2022, 16:39 Uhr
7

@Ein Waldbröler Bürger: Es gibt aber einen Unterschied zwischen "Anregungen und Hinweise" und gesetzlichen Vorschriften!

Rolf, 14.01.2022, 23:25 Uhr
8

Naja ich denke man sollte auch mal überlegen wie es teilweise in den Firmen aussieht, es darf noch längst nicht jeder während der Arbeit zum Einsatz!

ein nümbrechter , 15.01.2022, 11:05 Uhr
9

Hallo Herr Tewes,

sicherlich muss mit Steuergeldern sorgsam und sparsam umgegangen werden, aber weder eine Berufs- noch eine Freiwillige Feuerwehr möchte sich in der kalten Fahrzeughalle hinter laufenden Fahrzeugen umziehen. Beide Feuerwehren brauchen hingegen gleichermaßen adäquate Sanitär- und Schulungsräume.
Und: Es soll eine Minute zwischen Ankunft mit dem PKW und dem Ausrücken mit dem Einsatzfahrzeug vergehen. Das geht nur mit optimal gebauten und geplanten Gebäuden und Grundstücken. Improvisation war gestern. Damit wir Ihnen und Ihren Lieben schnellstmöglich helfen können, egal ob freiwillig oder hauptberuflich.

Alex, 16.01.2022, 09:41 Uhr
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