SOZIALES
„Es geht um den sozialen Frieden“
Gummersbach – Im „Caritas Kaufhaus“ wurde die bundesweite Kampagne „Caritas öffnet Türen“ vorgestellt – Die Tür zum Kaufhaus könnte aber schon bald geschlossen werden.
„Wer noch immer meint, erst die Wirtschaft, dann das Soziale, der verkennt die moderne Wirklichkeit“, sagte Dr. Frank Johannes Hensel gestern bei einem Pressegespräch im „Caritas Kaufhaus“ in der Gummersbacher Wilhelmstraße. Hensel ist Direktor des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln und am Donnerstag zur Vorstellung der bundesweiten Caritas-Kampagne 2025 „Da kann ja jeder kommen. Caritas öffnet Türen“ in die Kreisstadt gekommen. Gesprochen wurde dabei aber nicht nur über die diesjährige Kampagne, sondern vor allem über die Kürzungen im sozialen Bereich und wie sich damit – ganz konkret für die Menschen vor Ort – Türen schließen.
Das Caritas-Sozialkaufhaus in Gummersbach ermöglicht Langzeitarbeitslosen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt und Menschen mit geringem Einkommen die Möglichkeit, günstig einzukaufen. Das gilt auch für die „Wohnwelt“ der Caritas in der Gummersbacher Mühlenstraße. Dass das Möbelhaus im Laufe dieses Jahres geschlossen wird, ist bereits beschlossene Sache. Auch das Kaufhaus steht nach 20 Jahren vor dem Aus. Laut Caritas sind derzeit 39 Frauen und Männer im Kaufhaus und in der „Wohnwelt“ beschäftigt. Darüber hinaus wären von den Schließungen auch 14 Caritas-Mitarbeitende wie Fachanleiter und Sozialpädagoginnen betroffen.
„Was langzeitarbeitslose Menschen brauchen, sind Türöffner für ihre Zukunft mit bezahlter Arbeit. Wer die Förderung von Qualifizierung und Beschäftigung schwächt, verspielt große individuelle und gesellschaftliche Chancen“, meinte Hensel. Der Diözesan-Caritasdirektor ist davon überzeugt, dass eine soziale Absicherung für mehr Arbeitskraft sorge. Soziale Angebote seien nicht nur ein wichtiges Auffangnetz für einzelne Menschen, sondern auch ein echter Standortvorteil. Die Daseinsvorsorge sei entscheidend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Es geht um den sozialen Frieden. Wir werden Frieden verlieren, wenn wir Türen zuschlagen“, sagte Hensel.
Für Peter Rothausen, den Direktor des Oberbergischen Caritasverbandes, ist die Unterstützung von Langzeitarbeitslosen ein Herzensthema. Vor 37 Jahren hat er mit dieser Arbeit begonnen, damals eine Maßnahme in Kooperation mit dem LVR-Freilichtmuseum Lindlar aufgebaut, wo die Menschen Häuser renovieren sowie ab- und aufbauen konnten. Rothausen spricht von einer großen Ungerechtigkeit Langzeitarbeitslosen gegenüber. Viele Maßnahmen würden nach wenigen Jahren eingestampft, neue müssten aufgebaut werden. Am Ende seiner Ansprache kämpfte der Caritaschef sichtlich mit den Tränen, sagte: „Ich werde [Anm.d.Red.: in diesem Jahr] in Rente gehen und habe das Gefühl, dass ich nichts bewegt habe, dass ich für diese Menschen nichts tun konnte.“
Nach Angaben der Caritas würden im Erzbistum Köln rund 970 Menschen in den 51 Sozialen Betrieben der Caritas arbeiten; jährlich würden mehr als 700.000 Kundinnen und Kunden dort einkaufen gehen oder deren Dienstleistungen nutzen. Das Kaufhaus samt „Wohnwelt“ in Gummersbach seien nicht nur wichtige Eingliederungshilfen für langzeitarbeitslose Menschen und würden täglich von bis zu 60 Menschen besucht werden, sondern würden auch niedrigschwellige Zugänge zu Beratungsstellen sowie Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen ermöglichen.
Unterstützt wurde die Caritas beim Kaufhaus und dem Möbelhaus vom Jobcenter Oberberg – doch dem sollen in diesem Jahr laut eigenen Angaben zwei Millionen Euro weniger an Bundesmitteln für die arbeitsmarktliche Förderung zur Verfügung stehen. Infolgedessen würden der Caritas in diesem Jahr laut Rothausen fast 500.000 Euro fehlen. Das wirke sich auch auf das Projekt „Pick AB“ aus, das die Caritas gemeinsam mit dem Jobcenter und in Kooperation mit dem Kreisjugendamt durchführe und wodurch Jugendliche und junge Erwachsene unterstützt werden. Auch das stehe jetzt vor dem Aus.
Betroffen von den Kürzungen ist auch das „START-Projekt“ der Ökumenischen Initiative. Angesiedelt in Hückeswagen, würden dort laut eigenen Angaben bis zu 25 Jugendliche aus dem ganzen Kreisgebiet durch ein multiprofessionelles Team begleitet, um so einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu bekommen. Doch die Förderung durch das Jobcenter Oberberg soll – Stand Januar 2025 – nicht fortgeführt werden. Im Sommer drohe damit das Aus des Projektes. Eine Entscheidung, die kurzfristig dem Jobcenter Kosten sparen könnte, mittelfristig die Steuerzahler aber belasten wird. Das meinen Sabine Buchheim und Dennis Berster, die beiden Vorsitzenden der Ökumenischen Initiative.
Auch die Caritas hat für ihr Kaufhaus in Gummersbach noch keine Lösung gefunden. Wie viel der Betrieb des Kaufhauses im Jahr kostet, konnte Andreas Rostalski, Finanzvorstand der Caritas Oberberg, zwar nicht sagen. Doch Spenden allein würden für den Erhalt nicht ausreichen. Die Caritas plant, das Kaufhaus „mit kaufmännischem Geschick“ nun umzubauen. Rostalski: „Und wir sind froh um jeden, der kommt“ – unabhängig von Herkunft, Religion oder auch dem sozialen Status. „Wir wollen versuchen, alle Türen aufzulassen“, sagte er – „auch wenn jetzt zu befürchten ist, dass die ein oder andere Tür durch die Politik geschlossen wird. […] Aber wenn das Kaufhaus einmal weg ist, bauen wir es nicht mehr auf.“
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