SOZIALES

„Für viele Frauen war das wie ein Gefängnis“

lw; 25.07.2021, 08:00 Uhr
Symbolfoto: Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes .
SOZIALES

„Für viele Frauen war das wie ein Gefängnis“

lw; 25.07.2021, 08:00 Uhr
Oberberg – Nach dem Lockdown werden die Beratungs- und Hilfsangebote für Frauen bei der Caritas Oberberg wieder stärker nachgefragt – Für Opfer ist der Schritt der Kontaktaufnahme nicht einfach.

Von Lars Weber

 

Die Lockdowns in den vergangenen Monaten haben viele Familien vor Herausforderungen gestellt. Beengter Raum, Arbeiten und Kinderbetreuung gleichzeitig, kaum andere Kontakte. Was unter normalen Umständen schon schwierig war, ist für Frauen, die zu Hause Gewalt erfahren, erst recht problematisch gewesen, worauf Nicole Schneider, Koordinatorin des Fachdienstes Frauen bei der Caritas Oberberg, aufmerksam macht. „Für viele Frauen was das wie ein Gefängnis“, sagt sie. Jetzt, in einer Zeit der Lockerungen, würden die Hilfsmöglichkeiten bei der Caritas – die Frauenberatung, die Gewaltschutzberatung und das Frauenhaus (siehe Kasten Anlaufstellen) – wieder stärker nachgefragt als in Zeiten der Lockdowns.

 

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„Während der Lockdowns gab es fast gar keine Kontaktaufnahmen mit der Gewaltschutzberatung“, sagt Schneider. Auch von der Polizei, die sonst in Fällen häuslicher Gewalt die Kontakte zu den Opfern herstellt, gab es keine Meldungen. Dass sich jedoch die Gewaltsituationen in dieser Zeit in Luft und Wohlgefallen aufgelöst haben, davon sei kaum auszugehen, meint Schneider. Häufig hätten sonst betroffene Frauen die Zeit genutzt, wenn sie Kinder in den Kindergarten brachten oder wenn der Mann in der Kneipe oder auf der Arbeit war, um die entsprechenden Telefonnummern zu wählen und sich Hilfe zu holen. „Aber nun waren die Partner immer zu Hause, die Frauen konnten nicht unbemerkt um Hilfe rufen.“

 

Schneider geht davon aus, dass die Übergriffe sich in den Zeiten der Lockdowns gesteigert haben. „Die Zündschnur der Männer ist eher kürzer geworden, da sie über kein anderes Ventil mehr verfügten.“ Viel brauche es dann nicht, dass es in den Familien zu Gewalt komme, weiß Schneider, die in ihren viereinhalb Jahren als Koordinatorin mit vielen Opfern gesprochen hat. „Kindergeschrei, das angebliche Unverständnis der Frauen für die Situation der Männer, manchmal reicht es auch schon, dass Kartoffeln statt Nudeln gekocht wurden. Das können wir uns gar nicht vorstellen“, erzählt Schneider.

 

Polizeistatistik
 

Einen direkten Einfluss der Pandemie beziehungsweise der Lockdowns auf die Fälle häuslicher Gewalt, in denen die Polizei zu Hilfe gerufen wurde, stellt die Polizeibehörde des Oberbergischen Kreises nicht fest. 2020, im ersten Jahr der Pandemie, wurden laut Polizeisprecher Michael Tietze 350 Fälle gemeldet. In diesem Jahr seien es bislang 180. Hochgerechnet würde das Niveau voraussichtlich gehalten. Die Zahlen seien sogar geringer als in den Jahren 2018 (460 Fälle) und 2019 (420 Fälle). Beratungsmöglichkeiten finden sich auf den Seiten der Oberbergischen Polizei und unter www.polizei-beratung.de.

 

In den Großstädten seien die Frauenhäuser schon alle voll belegt. „Diese Trends kommen bei uns im ländlichen Raum meist verzögert an“, sagt Schneider. Die Anfragen würden inzwischen wieder zunehmen. Bis Mitte des Jahres suchten 21 Frauen mit 20 Kindern Zuflucht, im Jahresdurchschnitt kämen 45 Frauen mit 60 Kindern. Einen steigenden Trend macht Schneider auch bei der Gewaltschutzberatung aus. Normalerweise gibt es dort etwa 150 Kontakte im Jahr, bis Ende Mai waren es lediglich 37, seitdem sind aber schon rund 20 weitere hinzugekommen. Die Frauenberatung „Frauensache“, erst im Dezember gestartet, registrierte 52 Anfragen bis Juli.

 

Sie würden merken, dass die Frauen wieder etwas mehr Luft haben, um den Schritt zu machen und sich melden. „Für viele Opfer ist dieser Schritt schambehaftet. Es ist nicht einfach für sie zu sagen: ‚Ich habe Gewalt erfahren und brauche Hilfe‘“, erklärt Schneider. Oft sei es zunächst schon hilfreich, einfach nur zuzuhören. „Das ist jetzt ganz wichtig! Die Frauen wollen etwas loswerden.“ Daraus entstünden häufig bereits die Fragestellungen, bei deren Beantwortung die Mitarbeiter der Caritas helfen können – und die passende Unterstützung vermitteln.  

 

Anlaufstellen

 

Drei Hilfsmöglichkeiten speziell für Frauen bietet der Caritasverband Oberberg an. Noch recht neu ist die Frauenberatung „Frauensache“. Das Angebot ist niederschwellig und nicht an bestimmte Themen gebunden. Es kann um Probleme in der Beziehung gehen oder um Depressionen, auch um altersspezifische Themen. Viele rufen aber auch wegen häuslicher Gewalt erst dort an. Hier gibt es den direkten Kontakt.

 

Geht es um Gewalt, werden die Frauen an die Gewaltschutzberatung vermittelt. Hier bekommen Frauen Hilfe, die von Gewalt in Ehe und Partnerschaft betroffen sind. Beispielsweise werden Sicherheitspläne erarbeitet oder es wird Betroffenen geholfen, ihre rechtlichen Ansprüche durchzusetzen.

 

Für Frauen, die körperlich oder psychisch misshandelt werden, und deren Kinder gibt es wiederum auch noch das Frauenhaus als häufig einzige Schutz- und Zufluchtsstätte.  Betroffene werden gegebenenfalls mit ihren Kindern in möblierten Appartements untergebracht. Die Adresse ist geheim. Vor Ort werden die Frauen psychosozial beraten, im Umgang mit Behörden und Einrichtungen unterstützt und von einem Team aus Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und einer Erzieherin begleitet. Alle wichtigen Informationen und den Kontakt gibt es hier.