SOZIALES
„Es ist wichtig, so früh wie möglich um Hilfe zu bitten“
Gummersbach – Premiere für Fachtag zum Thema „Eltern mit Behinderung und Eltern mit psychischer Beeinträchtigung“ in der Alten Vogtei – Hilfsangebote bekannter machen und sich untereinander vernetzen – Betroffene erzählen.
Von Lars Weber
Jeder, der Kinder zu Hause hat, weiß, wie herausfordernd der Alltag für eine Familie sein kann. Es gibt immer etwas zu erledigen, zu organisieren oder einzukaufen – und da hat man sich noch gar nicht unmittelbar um den Nachwuchs gekümmert, der natürlich auch seine Zeit einfordert. Vor besonderen Herausforderungen im Familienalltag stehen Eltern mit Behinderung und Eltern mit psychischer Beeinträchtigung. Sie müssen zusätzliche Hürden meistern und sind dabei nicht selten auf Hilfe angewiesen. Um sich über die aktuelle Versorgungslage und über Lösungsansätze für bedarfsgerechte Unterstützung auszutauschen, sind kürzlich in der Alten Vogtei rund 80 Fachleute aus Familienzentren, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen zusammengekommen. Der Paritätische und die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) hatten zu dieser ersten Ausgabe des Fachtags eingeladen – und waren gleich ausgebucht.
Eine Behinderung oder eine psychische Beeinträchtigung zu haben, dürfe kein Ausschlusskriterium für Teilhabe sein, sagen die Organisatoren deutlich. Unter anderem mit dabei sind Inge Lütkehaus und Christian Gollmer, die ehemalige Geschäftsführerin der Kreisgruppe des Paritätischen und ihr Nachfolger, sowie Anne Heitmann und Kathleen Götz vom EUTB. Tatsächlich haben Betroffene aber mit ihrem Alltag zu kämpfen. Das könne auf dem Spielplatz sein, wenn ein Rollstuhlfahrer sein Kind nicht einfach auf das Klettergerüst heben könne. Das könne aber auch für Menschen mit Depressionen die Aufgabe sein, das Kind pünktlich in die Kita zu bringen. „Wir haben da einen Bedarf und große Lücken bemerkt“, sagte Anne Heitmann.
Die EUTB im Oberbergischen Kreis existiert seit 2018. Dort werden Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige zu allen Fragen der Teilhabe und Rehabilitation beraten. Insgesamt 700 Beratungen im Jahr gibt es, regelmäßig gehe es um jene Themen, die beim Fachtag verhandelt wurden. Da sei es wichtig, sich zu kennen und interdisziplinär zwischen Jugendhilfe und Eingliederungshilfe zusammenzuarbeiten. „Das ist keine Leistung nach Standard“, ergänzt Heitmann. Sondern man müsse sich stets an den individuellen Bedürfnissen orientieren. Obwohl seit 2018 ein Rechtsanspruch auf Elternassistenz besteht, sei die reale Versorgungslage für Eltern mit Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung aber oft noch unzureichend. Und so fühlten sich Eltern ohne die nötige Assistenz schnell alleingelassen. Auch die Zahl der wohnortnahen Angebote für diese Zielgruppe sei ausbaufähig.
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Neben diversen Vorträgen zu rechtlichen Grundlagen (nach SGB VIII und IX) oder von Experten der Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben (KSL) rückten die EUTB und der Verein Lebensfarben als Anbieter qualifizierter Elternassistenz (aktuell sieben Fälle) auch Berichte betroffener Eltern in den Fokus des Tages. So berichteten unter anderem zwei Mütter von ihrem Leben, und wie sich ihre Krankheiten auf den Alltag auswirkten.
„Irgendwann war mein Akku leer“, erzählte eine 42-Jährige. Nach der Arbeit am Vormittag blieb nachmittags keine Kraft mehr für die Kinder übrig. Sie ließ sich krankschreiben, doch die Suche nach Hilfe im Alltag gestaltete sich schwer, bis sie zu den Lebensfarben kam. Bei Dennis Balzano traf sie auf offene Ohren und jemanden, der sie im „Dschungel der Hilfsangebote“ an die Hand nahm. Alle zwei Wochen kommt er vorbei. Manchmal hört er nur zu, manchmal begleitet er sie zu Arztbesuchen. „Wir wollen den Eltern mehr Zeit geben, Eltern zu sein, ihnen dabei helfen, den Kopf freizubekommen“, sagte Balzano. Gleichzeitig weiß die Mutter auch: „Die Depressionen sind mein Begleiter. Es ist wichtig, so früh wie möglich um Hilfe zu bitten“.
Ähnliches berichtete eine alleinerziehende 43-Jährige Mutter, für deren Sohn gerade das Patenschaftsprogramm bei Lebensfarben ein „sicherer Anker“ war. Und auch sie selbst habe durch die qualifizierte Elternassistenz „Mut gefunden, weiterzumachen“. Ihr seien Wege gezeigt worden, als sie blind gewesen sei. Balzano sage immer zu ihr: „Wir gehen vorwärts, nirgendwo anders hin“.
Der Fachtag habe laut den Organisatoren deutlich gemacht: Es braucht verbindliche Strukturen, klare Zuständigkeiten und ein gemeinsames fachliches Verständnis aller beteiligten Systeme, um Eltern mit Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung nachhaltig zu stärken. Die Premiere des Fachtags sei ein wichtiger Auftakt gewesen, um das Thema langfristig im Kreis zu verankern und Verbesserungen auf den Weg zu bringen.
Informationen über den EUTB gibt es hier. Der Verein Lebensfarben stellt sich hier vor.