SOZIALES
Jubiläum: Gegen Gewalt, für Kriminalitätsopfer
Oberberg – Der Weisse Ring wurde heute vor 50 Jahren gegründet – Außenstellenleiterin Barbara Reichler stellt die Arbeit der Hilfsorganisation vor – Weitere Mitwirkende gesucht.
Heute vor 50 Jahren, am 24. September 1976, wurde in Mainz ein Verein gegründet, deren Ehrenamtliche sich deutschlandweit für Kriminalitätsopfer einsetzen: der Weisse Ring. 17 engagierte Frauen und Männer haben sich damals zusammengeschlossen, um den Verein zu gründen. Einer von ihnen war Eduard Zimmermann, der die noch heute beliebte ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ einst konzipiert und auch moderiert hat. Seit den späten 1970ern ist der Weisse Ring auch im Oberbergischen vertreten – mit dem Ziel, Betroffene von Kriminalität zu begleiten und zu unterstützen. Menschlich, unbürokratisch und kostenfrei.
„Das ist ein multiprofessionelles Team“, sagte Barbara Reichler im Gespräch mit OA, das in dieser Woche anlässlich des Jubiläums stattgefunden hat. Seit 2016 ist die ehemalige Leiterin der Gummersbacher Jakob-Moreno-Schule für den Weissen Ring aktiv – und hat wenige Monate nach ihrem Start schon die Leitung der oberbergischen Außenstelle übernommen. Bundesweit – und auch im Oberbergischen – handelt es sich bei den meisten Fällen, die von den Opferhelfern bearbeitet werden, um Sexualdelikte (ca. 26 Prozent), häusliche Gewalt (ca. 24 Prozent) und Körperverletzungen (ca. 16 Prozent). Das geht aus der aktuellen bundesweiten Deliktstatistik des Weissen Rings hervor. Unterstützt werden auch Menschen, die beispielsweise Opfer von Stalking, Tötungsdelikten im nahen Umfeld, Diebstahl oder Betrug geworden sind.
Laut Barbara Reichler verzeichnet die oberbergische Außenstelle seit Jahren immer mehr Fälle. Seien 2017 insgesamt rund 100 Fälle abgeschlossen worden, sollen es 2022 schon 140 gewesen sein. Aktuell spricht Reichler von 150 bis 180 Fällen pro Jahr – plus Beratungen. „Die Anzahl der Fälle hat zugenommen, vielleicht auch wegen steigender Bekanntheit und der Vernetzung mit anderen Hilfsorganisationen“, sagte Reichler. Aktuell seien zehn Fälle in Bearbeitung. „Aber das kann sich stündlich ändern.“ Ein Fall, der in den vergangenen Jahren herausgestochen und aufgrund von Berichterstattungen auch in der Bevölkerung bekannt ist, war ein Säureangriff auf eine Gummersbacherin im Februar 2024. Auch hier haben die Ehrenamtlichen vom Weissen Ring Hilfe geleistet.
Was in den vergangenen Jahren ebenfalls angestiegen ist, sind Fälle im Bereich der Cyberkriminalität. Zwei Beispiele: „Ein Soldat, der mittellos ist, aber einen Goldschatz findet. Oder eine ukrainische Frau, die für eine Operation nach Deutschland muss und Geld braucht. Das zielt auf beide Geschlechter ab“, sagte Reichler. Einsamkeit spiele da eine Rolle, auch der Wunsch nach Liebe. Viele Menschen würden auf diese Masche reinfallen, teilweise sogar Kredite aufnehmen und dadurch Zehntausende Euro verlieren. „Pro Monat haben wir einen derartigen Fall. Das hat eindeutig zugenommen“, so Reichler.
Das Team der oberbergischen Außenstelle des Weissen Rings konnte in den vergangenen Jahren auch einige neue Ehrenamtler dazugewinnen. Aktuell zählt das Team neun Personen; zwei weitere befinden sich derzeit in Ausbildung. Barbara Reichler würde sich freuen, wenn noch weitere Interessierte dazustoßen würden. Was man mitbringen sollte? „Eine positive Sicht auf den Menschen, Empathie, Geduld, und helfen wollen, ohne unbedingt dafür Dankbarkeit zu erfahren“, sagte die Außenstellenleiterin. Und: „Es ist eine stille Arbeit. Wir haben eine Schweigepflicht.“ Zur Vorbereitung erhalten die Ehrenamtler eine Grundausbildung – und im Anschluss immer wieder die Möglichkeit, diverse Fortbildungen zu absolvieren.
Bundesweit zählt der Weisse Ring rund 400 Außenstellen. Hilfe finden Betroffene mittlerweile aber auch über das sogenannte Opfer-Telefon unter der Tel.: 116 006, die Onlineberatung und über die Digitale Außenstelle. Weitere Informationen zum Weissen Ring und zum Jubiläum der Hilfsorganisation sind auf der Website des Vereins zu finden.