SOZIALES
Jubiläum: Zusammen und auf Augenhöhe
Gummersbach – Die Fachberatung Wohnungsnot gibt es seit nunmehr 25 Jahren – Gefeiert wurde das gestern im Rahmen eines Fachtags auf dem Steinmüllergelände.
Das Gefühl, sich für etwas zu schämen, dürfte wohl jeder kennen. Aber dass auch Wohnungslosigkeit oft mit Scham verbunden ist, ist vielen wohl nicht bewusst. Thema war das gestern bei einem Fachtag der Fachberatung Wohnungsnot, der im Innovation Hub auf dem Gummersbacher Steinmüllergelände stattgefunden hat. Anlass war ein Jubiläum, das in diesen Tagen bei der Fachberatung Wohnungsnot gefeiert wird – denn die Beratungsstelle in Trägerkooperation vom Kirchenkreis An der Agger, dem Caritasverband für den Oberbergischen Kreis und der Diakonie Michaelshoven Soziale Hilfen gibt es seit nunmehr 25 Jahren.
Ob Mitarbeitende aus der Fachberatungsstelle, vom Sozialamt, dem Jobcenter, dem Gesundheitsamt, dem Landschaftsverband Rheinland (LVR), der Schuldnerberatung oder auch „viele Experten in eigener Sache“, also Betroffene oder ehemals Betroffene: rund 70 Personen haben an der Veranstaltung teilgenommen, sagte Susanne Hahmann, Geschäftsführerin der Sozialen Hilfen der Diakonie Michaelshoven, im Nachgang bei einem Pressegespräch. Sie erinnerte auch an die Anfänge der Fachberatungsstelle, ausgehend vom Haus Segenborn in Waldbröl und der weit verbreiteten Annahme, dass es Obdachlosigkeit in Oberberg doch gar nicht gebe. Auch wenn die offensichtliche Wohnungslosigkeit in der Region auch heute keine große Rolle spielt: Wohnungsnotfälle und vor allem versteckte Wohnungslosigkeit gibt es sehr wohl, sagte Hahmann.
Finanziert vom Oberbergischen Kreis und dem LVR, je zur Hälfte, ist die Fachberatungsstelle breit aufgestellt und auch in der Fläche des Kreisgebietes vertreten. Wichtig sei dabei, dass sich die betroffenen Menschen bei der Beratungsstelle willkommen fühlen und nicht mit einer Hürde konfrontiert seien. Es gehe nicht darum, möglichst schnell einen Antrag auszufüllen, betonte Rainer Schmidt, Theologischer Vorstand der Diakonie Michaelshoven. Vielmehr gehe es darum, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Betroffenen öffnen können. Schmidt geht aber auch davon aus, „dass viele Menschen unsere Hilfe nicht in Anspruch nehmen – aus Scham.“
Passend dazu hat der Sozialwissenschaftler Dr. Stephan Marks beim Fachtag einen Vortrag über „Menschenwürde und Scham“ gehalten. Rund zweieinhalb Stunden dauerte die Veranstaltung insgesamt. Neben dem Vortrag gab es auch ein Grußwort von Kaja Elvermann, Leiterin des oberbergischen Gesundheitsamtes, sowie eine Diskussionsrunde und einen offenen Austausch. Dabei wurde auch hinterfragt, ob das System, so wie es jetzt im Oberbergischen aufgestellt ist, das bestmögliche ist. Nicht zuletzt sei das Hilfesystem von Vertretern des LVR und der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) gelobt worden – und es scheint deutschlandweit nach wie vor einzigartig zu sein, sagte Hahmann.
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[An der Diskussionsrunde haben Dr. Stephan Marks, Wilfried Fenner, Leiter der Fachberatungsstelle Wohnungsnot, Dr. Bodo Unkelbach, Leiter der Klinik für seelische Gesundheit in Marienheide, Jeanette Rath, Bewohnervertreterin der Wohnhilfen Oberberg, Andreas Zimmermann, Leiter der Abteilung „Hilfe zu Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten“ beim LVR, sowie – digital zugeschaltet – Martin Kositza, Referent der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) teilgenommen.]
Trotzdem gebe es noch Verbesserungsbedarf. Wie Birgit Pfisterer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Caritas, sagte, sei die Frage diskutiert worden, wie man die Zielgruppe noch besser erreichen kann. Hier gibt es die Überlegung, Schulen und auch Kindergärten mit einzubeziehen. Schmidt findet es wichtig, den Schwerpunkt verstärkt auf die Prävention zu legen und Wohnungslosigkeit zu verhindern: „Die Menschen haben Gründe, warum sie ihre Post nicht mehr öffnen und Rechnungen nicht mehr bezahlen. Da steckt immer eine Geschichte hinter.“ Das gehe nicht von heute auf morgen. Und auch Wilfried Fenner, Leiter der Fachberatungsstelle, ist davon überzeugt, dass „ein Mensch auf der Straße das Ende der Fahnenstange ist.“ Doch sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, sei oft ein schwerer Schritt.
Wer von Wohnungslosigkeit betroffen ist, findet kreisweit Unterstützung – so etwa in Gummersbach, Wipperfürth, Lindlar, Hückeswagen, Radevormwald sowie Waldbröl und Wiehl. Da es laut Fenner in Radevormwald derzeit einen höheren Bedarf gibt, wurde die dortige Sprechstunde seit dem 1. Dezember ausgeweitet. Anders war das in Bergneustadt, wo das Angebot kaum angenommen worden ist. Stattdessen gibt es dort seit August 2025 in Kooperation mit dem Jobcenter eine digitale Sprechstunde. Darüber hinaus gibt es seit rund zweieinhalb Jahren ein Modellprojekt zur Online-Beratung. Dass die Wohnungslosigkeit auch viel mit Scham und Würde zu tun hat, wurde gestern deutlich. „Wir kämpfen dafür, dass es keine Wohnungslosen mehr gibt“, sagte Hahmann.
Weitere Informationen dazu sind beispielsweise auf der Website der Diakonie Michaelshoven zu finden.
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