TIPPS
Im Gespräch mit Dr. Arne-Patrik Heinze
Wann eine Prüfungsanfechtung sinnvoll ist.
Eine nicht bestandene Prüfung ist für viele ein Schock – und oft fühlt es sich so an, als wäre damit alles entschieden. Dabei ist das nicht immer der Fall. Denn Prüfungsentscheidungen sind nicht unantastbar: Wenn Fehler im Verfahren oder in der Bewertung vorliegen, kann eine Prüfungsanfechtung rechtlich möglich und sinnvoll sein.
Dr. Arne-Patrik Heinze ist Rechtsanwalt von heinze-pruefungsanfechtung.de und auf Prüfungsrecht spezialisiert. Er berät und vertritt Mandant:innen bei der rechtlichen Überprüfung von Prüfungsentscheidungen in der Schweiz und in Deutschland – etwa im Studium, bei beruflichen Examina oder bei Vorwürfen wie Täuschung und Plagiat. Im Interview erklärt er, wann eine Prüfungsanfechtung realistische Chancen hat und worauf Betroffene in der Praxis achten sollten.
1) Herr Dr. Heinze, was umfasst das Prüfungsrecht konkret und warum ist das Thema Prüfungsanfechtung für viele relevanter, als sie denken?
Im Prüfungsrecht sind die rechtlichen Spielregeln rund um Prüfungen geregelt. Es geht also nicht nur um die Note, sondern um Fragen wie: Wurde das Verfahren korrekt durchgeführt? Wurde fehlerfrei bewertet? Gibt es nachvollziehbare Kriterien? Wurde alles präzise dokumentiert?
Viele Betroffene denken zunächst: „Das Ergebnis steht fest, da kann man nichts machen.“ In der Praxis ist es aber so, dass Prüfungen rechtlich überprüfbar sind – und dafür gibt es die Möglichkeit der Prüfungsanfechtung.
2) Welche Prüfungen werden aus Ihrer Sicht am häufigsten angefochten?
Besonders häufig werden Prüfungen angefochten, bei denen die Konsequenzen erheblich sind. Dazu zählen klassische Hochschulprüfungen wie Bachelor- oder Masterprüfungen, aber auch berufliche Examina und Fachprüfungen wie Meisterprüfungen bei einer IHK sowie Steuerberaterprüfungen. Sehr oft geht es auch um Täuschungsversuche mit oder ohne KI, um Plagiate und um Härtefälle.
Je höher der Druck und je größer die Auswirkungen auf die Zukunft sind, desto wichtiger wird ein faires Prüfungsverfahren – und desto eher wird eine Entscheidung auch hinterfragt.
3) Welche Situationen führen typischerweise dazu, dass Mandant:innen über eine Prüfungsanfechtung nachdenken?
Oft melden sich Betroffene, wenn sie das Gefühl haben, dass das Ergebnis nicht zu ihrer Leistung passt oder dass etwas „nicht sauber gelaufen“ ist. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn die Bewertung völlig unverständlich wirkt oder sogar fehlt – auch, wenn es in einer mündlichen Prüfung Unklarheiten oder befangene Prüfer gab.
Viele Kandidaten kommen auch, weil sie merken: Diese Entscheidung hat enorme Folgen. Sie möchten dann vermeiden, dass ein Fehler ihnen dauerhaft die berufliche Laufbahn verbaut.
4) Wann ist eine Prüfungsanfechtung juristisch realistisch und welche Fälle sind eher aussichtslos?
Realistisch wird eine Prüfungsanfechtung, wenn es konkrete Ansatzpunkte gibt. Das können Verfahrensfehler, Bewertungsfehler oder Dokumentationsmängel sein – also Dinge, die objektiv nachvollziehbar sind.
Schwierig wird es, wenn die Bewertung fehlerfrei ist, eine präzise Dokumentation vorliegt und keine erkennbaren Regelverstöße stattfinden. Prüfungsrecht bedeutet nicht, dass jede schlechte Note automatisch angreifbar ist. Es bedeutet aber, dass eine fehlerhafte Entscheidung nicht einfach hingenommen werden muss.
5) Welche sind die häufigsten Verfahrensfehler, die Sie in Prüfungen sehen, besonders bei mündlichen Prüfungen?
Bei mündlichen Prüfungen ist die Dokumentation ein häufiger Aspekt. Protokolle sind manchmal lückenhaft oder widersprüchlich und sind strikt von einer Bewertung zu unterscheiden. Auch Bewertungsmaßstäbe können intransparent sein – etwa, wenn nicht klar ist, welche Anforderungen an welche Leistung geknüpft wurden.
Gerade mündliche Prüfungen laufen unter Stressbedingungen ab. Das macht sie menschlich, aber eben auch anfälliger für Fehler, die am Ende über Bestehen oder Nichtbestehen entscheiden. Mittlerweile gibt es aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und der vermehrten Onlineprüfungen sehr oft Fehler im technischen Ablauf der mündlichen und schriftlichen Prüfung – z.B. Störungen der Server usw.
6) Welche sind typische Bewertungsfehler in schriftlichen Prüfungen, die rechtlich relevant sein können?
Typisch sind zum Beispiel fachlich falsche Annahmen in der Korrektur, das Übersehen von relevanter Inhalte oder nicht nachvollziehbare Punktabzüge. Manchmal werden Antworten auch anhand eines Erwartungshorizonts bewertet, der nicht konsequent bzw. ungleich angewandt wurde.
Wichtig ist dabei: Eine Prüfungsanfechtung basiert nicht auf einem Bauchgefühl. Es geht darum, ob sich objektive Fehler nachweisen lassen – und ob diese Fehler für das Ergebnis tatsächlich relevant waren.
7) Welche Rolle spielt die Akteneinsicht bei einer Prüfungsanfechtung und was sollte man dabei prüfen lassen?
Die Akteneinsicht ist oft ein entscheidender Schritt. Erst mit Einsicht in die Unterlagen kann final beurteilt werden, wie die Bewertung zustande kam und ob das Verfahren korrekt dokumentiert wurde.
Wichtig sind unter anderem Korrekturbögen, Bewertungsnotizen, Protokolle und interne Vermerke. In vielen Fällen zeigt sich erst dort, ob es belastbare Angriffspunkte gibt oder nicht.
8) Welche sind die wichtigsten Fristen im Prüfungsrecht – und warum ist Zeit so kritisch?
Viele Betroffene unterschätzen Fristen massiv. Je nach Prüfungsordnung können diese sehr kurz sein. Wer zu lange wartet, verliert unter Umständen rechtliche Möglichkeiten – selbst dann, wenn inhaltlich Fehler vorliegen.
Zeit ist im Prüfungsrecht deshalb so kritisch, weil Verfahren an klare Fristabläufe gebunden sind. Wer schnell reagiert, kann Optionen offenhalten. Wer zu spät kommt, hat oft keinen Spielraum mehr.
9) Was sollten Betroffene direkt nach dem Nichtbestehen als erste Schritte tun, um keine Chancen zu verschenken?
Der wichtigste Schritt ist: strukturiert bleiben. Fristen notieren, Bescheide sichern, Unterlagen sammeln und möglichst früh Akteneinsicht anstoßen.
Vor allem sollte man nicht impulsiv handeln, sondern sich bestenfalls frühzeitig professionell beraten lassen. Viele schreiben direkt lange Beschwerden aus dem Affekt – schlimmstenfalls mit KI. Das ist menschlich verständlich, führt aber sehr oft zu irreparablen Fehlern.
10) Welche Fehler machen viele, wenn sie ohne juristische Unterstützung gegen eine Prüfungsentscheidung vorgehen?
Der häufigste Fehler ist, emotional zu argumentieren statt rechtlich. Ein weiteres Problem ist, dass wichtige Fristen übersehen oder Aussagen gemacht werden, die später gegen einen verwendet werden können. Seit es Sprachmodelle wie ChatGPT gibt, glauben einige Kandidaten, sie könnten erst einmal eigenständig mit KI agieren, ohne zu bedenken, dass im Rahmen der KI lediglich so genannten Token nach Wahrscheinlichkeitsrechnung aus oft unseriösen Quellen zusammengesetzt werden. Diese Versuche sind oft derart fehlerhaft, dass die Erfolgschancen aufgrund des eigenen Vorgehens mit KI deutlich sinken und die Gesamtkosten im Endeffekt steigen, weil wichtige Möglichkeiten z.B. im außergerichtlichen Verfahren unwiderbringlich verloren sind.
Im Prüfungsrecht bedarf es einer klaren Strategie mit professioneller juristischer Expertise: Welches Ziel wird definiert, welche Unterlagen sind entscheidend und welcher Weg ist zur Erreichung des Ziels sinnvoll? Das gilt außergerichtlich und gerichtlich.
11) Wie läuft eine Prüfungsanfechtung typischerweise ab – von der ersten Prüfung des Falls bis zur Entscheidung?
Zunächst muss der Fall geprüft werden: Welche Prüfung ist Gegenstand des Mandats, welche Gesetze und Prüfungsordnungen gelten und welche Fristen sind zu beachten? Danach wird – oft nach Akteneinsicht – bewertet, ob es konkrete Fehler gibt.
Je nach Sachlage kann außergerichtlich agiert werden – etwa mittels Widerspruch und Begründungen. In einigen Fällen ist ein gerichtliches Verfahren notwendig. Wichtig ist: Jeder Schritt sollte zielgerichtet erfolgen und nicht als reine „Trotzreaktion“.
12) Wie beurteilen Sie die Sorge vieler, dass eine Anfechtung „alles nur schlimmer macht“?
Die Sorge ist menschlich verständlich. Aber eine Anfechtung ist ein rechtlich vorgesehenes Verfahren. Wer sachlich und professionell vorgeht, nutzt ein legitimes Instrument, verschafft sich Respekt und wird vom Opfer zur agierenden Person.
Problematisch wird es meist, wenn Betroffene unüberlegt reagieren, aggressiv schreiben oder wichtige Schritte versäumen. Wer strukturiert handelt, kann seine Position oft deutlich verbessern.
13) Was gilt bei sensiblen Fällen wie Täuschungsvorwurf oder Plagiatsverdacht – und warum ist hier Vorsicht geboten?
Diese Fälle sind besonders heikel, weil es nicht nur um eine Note geht, sondern um schwerwiegende Konsequenzen: Exmatrikulation, Sperrung auch an anderen Prüfungsinstitutionen, Hochschulen und Universitäten sowie langfristige Auswirkungen auf Karriere und Reputation.
Hier sollte besonders vorsichtig vorgegangen werden, weil jedes Schreiben und jede Aussage später relevant sein können. Gerade bei Täuschungsvorwürfen oder Plagiatsfällen ist es wichtig, sehr präzise zu prüfen, welche Beweise vorliegen und wie das Verfahren geführt wird – keine unüberlegten Alleingänge! Oft versuchen Prüfungsinstitutionen bei Täuschungsvorwürfen durch sehr kurze Fristen zur Stellungnahme bzw. Ladung zu Gesprächen, bei denen ein Kandidat von einer ganzen Gruppe Gegner in die Falle gelockt werden soll, erheblichen Druck aufzubauen. Bestenfalls lassen sich Betroffene ohne jegliche eigene Stellungnahme zum Täuschungsvorwurf direkt anwaltlich beraten.
14) Welche Entwicklungen werden das Prüfungsrecht in den nächsten Jahren besonders beeinflussen?
Digitale Prüfungen, Online-Proctoring und technische Prüfungsformate werden uns im Prüfungsrecht weiter beschäftigen. Denn dadurch entstehen neue Fehlerquellen: technische Störungen, Beweisfragen, Datenschutzthemen oder unklare Verantwortlichkeiten.
Gleichzeitig steigt die Bedeutung der Transparenz. Je digitaler Prüfungen werden, desto klarer muss dokumentiert sein, wie bewertet wird und welche Regeln gelten – sonst werden Bewertungen fehlerhaft. Mittlerweile kommt es durchaus vor, dass Prüfer ihre Bewertungen selbst in rechtswidriger Weise mittels KI verfassen.
15) Welche Botschaft möchten Sie Menschen mitgeben, die nach einer nicht bestandenen Prüfung gerade mental am Boden sind?
Eine nicht bestandene Prüfung ist ein harter Einschnitt – aber sie ist nicht automatisch das Ende. Es ist wichtig, die Angelegenheit sportlich zu betrachten und wieder handlungsfähig zu werden: nüchtern prüfen lassen, ob die Entscheidung rechtlich korrekt war, um dann strategisch zu entscheiden, wie es weitergeht. Um sich dem Ganzen nicht selbst auszusetzen, gibt es Anwälte, die alles übernehmen und Betroffenen die Last abnehmen.
Wer das Gefühl hat, dass etwas nicht korrekt gelaufen ist, sollte sich nicht schämen, das überprüfen zu lassen. Es geht um die eigene Zukunft und diese sollte nicht an einem Fehler oder einer emotional schwierigen Situation in einer bestimmten Lebensphase scheitern.
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