POLITIK
Emotionales Ringen um die schulische Zukunft der Morsbacher Kinder
Morsbach – Beim Bürgerdialog in der Kulturstätte geht die Diskussion für drei Stunden hin und her – Eine Entscheidung, wie es mit den Standorten Lichtenberg und Holpe im Grundschulverbund Morsbach weitergeht, soll die Politik noch in diesem Jahr treffen.
Von Lars Weber
Wie verändert sich die Morsbacher Grundschullandschaft in den kommenden Jahren? Werden alle drei Standorte des Verbunds der Amitola-Grundschule – Morsbach, Lichtenberg und Holpe - erhalten und mit viel Geld für die Zukunft fit gemacht? Oder werden ob düsteren Schülerzahlprognosen in den 2030er-Jahren und der hohen Investitionen Holpe und Lichtenberg geschlossen und das Grundschulangebot in Morsbach zentralisiert? Darum ist es am Montagabend bei einem Bürgerdialog in der Kulturstätte gegangen, zu dem rund 150 Morsbacher gekommen waren. Drei Stunden lang tauschten sie sich gemeinsam mit der Verwaltung und dem Schulentwicklungsplaner aus. Sehr emotional ging es zu, Gefühle, konträre Meinungen und Zahlen standen sich gegenüber, trotzdem gelang es den Teilnehmern, fair und offen zu bleiben. So hatte es sich auch Bürgermeister Jan Schumacher zu Beginn gewünscht. „Die Entscheidung wird die Gemeinde nachhaltig beeinflussen und wird nicht einfach werden“, sagte er. Noch in diesem Jahr soll die Politik diese Entscheidung fällen, so Schumacher gegenüber OA. „Ich möchte Klarheit für die Eltern und keine Hängepartie.“
Dass die Entscheidung gerade auch jene treffen wird, die jetzt vielleicht noch gar nicht an Kinder denken, wurde beim Informationsteil des Abends deutlich. Zunächst hatte Fachbereichsleiterin Susanne Hammer ihren Bericht zum aktuellen Stand der Situation aus dem Schul- und Sozialausschuss wiederholt (OA berichtete). In Kurzform: Obwohl es in der Vergangenheit bereits mehrfach Empfehlungen seitens der Schulentwicklungsplaner und auch der Schulaufsicht gab, eine Zentralisierung in Morsbach anzustreben, hat sich zuletzt erst 2023 die Politik eigentlich zu allen drei Standorten erneut bekannt. Eigentlich, weil eine Machbarkeitsstudie für den Standort Holpe zeigte, dass ein nötiger Neubau mit den verfügbaren finanziellen Mitteln – aktuell befindet sich Morsbach in einer Haushaltssperre - nicht ohne weiteres möglich ist. Ein Antrag auf Fördermittel aus dem Landes-Programm „Energieeffiziente Modulschulen“ (80 Prozent Förderung) wurde gestellt, eine Rückmeldung steht aber aus.
Geburten gingen seit 2022 um 26 Prozent zurück
Verschärfend hinzu kamen im Rahmen der Diskussion um die Investitionsmaßnahmen an den Schulen eine Aktualisierung der Schülerprognosen durch die Schulentwicklungsplaner des Büros BiRegio, von dem Christian Hamel und Anna Tagliabue am Montag in Morsbach vor Ort waren. Hamel berichtete von einem Geburtenrückgang seit 2021 in der Gemeinde, der inzwischen statistisch unter 1,4 Kindern pro Frau liege. Zuletzt habe es diese Zahl 1945 gegeben. Seit 2022 seien die Geburten um 26 Prozent zurückgegangen. „Das ist schon eine Schulklasse weniger.“ Es fehle an Zuzug, gerade an mehr Frauen. Betrachte man nun diese aktuelle Entwicklung der Meldezahlen und Geburtenrate und gehe in die Prognose, so sinken die Schülerzahlen in der Gemeinde ab dem Schuljahr 2030/31. Schon dann werde es knapp, die vorgeschriebenen 46 Schüler für den Standort Lichtenberg zusammenzubekommen. „Wenn die Zahl nicht erreicht wird, schließt das Land den Standort.“ Von aktuell 400 Schülern sinke die Zahl bis 39/40 auf 318. „Rechnerisch fehlt perspektivisch eine Klasse pro Jahrgang in der Gemeinde“, so Hamel.
[Der Schulentwicklungsplaner des Büros BiRegio, Christian Hamel, gab seine "Einschätzung von außen".]
Deshalb steht das politische Bekenntnis vor drei Jahren wieder zur Diskussion. Zur Prognose und den baulichen Investitionen (auch aufgrund des OGS-Anspruchs) kommen die vielfältigen pädagogischen Herausforderungen hinzu. Hamel sagt: „Der derzeitige Status quo wird langfristig nicht zu halten sein“. Aber die Zentralisierung in Morsbach und die Schließung sei für die Morsbacher Politik nur seine Empfehlung. Möglich sei weiterhin, einen oder beide Außenstandorte zu halten – mit den zugehörigen Konsequenzen. Denn rechtlich gelten alle drei Standorte als eine Schule, die Gemeinde muss also an allen drei Standorten alle nötigen Bedingungen vorhalten. Die Zahl der Lehrer indes werde vom Land festgelegt – diese orientiere sich an den Schülerzahlen, nicht an der Standortzahl. „Es geht nicht um Geld, sondern um die Zukunft der Kinder“, betonte Schumacher.
Unterschiedliche Ziele werden verfolgt
In der folgenden Diskussion gab es vor allem zwei Lager. Die Schulpflegschaft, Eltern und Einwohner von Lichtenberg und Holpe kämpften um den Erhalt ihrer Schulen. Und die Morsbacher Eltern, die auf die vorgetragenen Zahlen und die pädagogische Qualität verwiesen. Diese, so sind sie überzeugt, würde bei einer Zentralisierung wachsen. Als Beispiel wurden Lehrkraftausfälle in Holpe und Lichtenberg angeführt, bei denen Lehrer aus Morsbach abgezogen worden seien, die dort dann wiederum fehlten. Eine Statistik von Susanne Hammer zeigte, dass es im Verbund Morsbach im Schuljahr 24/25 häufiger Lerngruppen zusammengelegt werden (10,5 Prozent) mussten als an anderen Grundschulen im Kreis. In der Grundschule Waldbröl-Wiedenhof waren es im selben Schuljahr 3,4 Prozent, der landesweite Schnitt betrage 2,2 Prozent. Erfahrungswerte oder Meinungen der Lehrerschaft dazu gab es nicht, als Landesbeamte müssen sie sich aus der öffentlichen Diskussion raushalten.
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[Gut gefüllt war die Kulturstätte - alle rund 200 Plätze besetzt waren aber nicht.]
Die Befürworter des Erhalts der Außenstandorte führten indes an, dass die Qualität an kleineren Standorten besser sei, und verwiesen auf eine Studie, laut der Kinder in kleineren Einrichtungen bessere Bildungschancen hätten als an größeren Schulen - diese wollen sie Hamel zukommen lassen. Zudem fehlten einige Faktoren in seiner Prognose, zum Beispiel mögliche Zuzüge. Das Argument, dass beispielsweise der Schulsozialarbeiter effektiver an einem Standort arbeiten könne, setzten sie entgegen, dass an einer größeren Schule auch die Themen Gewalt und Mobbing größer würden und eine Stelle schon jetzt nicht ausreichend sei. Zum Thema Schulgröße warf Schulplaner Hamel ein, dass bei einer Zusammenlegung theoretisch weniger Klassen benötigt würden als bisher, sie wäre voraussichtlich drei- oder vierzügig – allerdings müsse man schauen, wie mit dem derzeit praktizierten jahrgangsübergreifenden Unterrichtskonzept umzugehen sei.
„Zwei Orte würden sterben!“
In der Diskussion ging es hin und her. Manchmal wurde es auch lauter, auch Bürgermeister Schumacher musste mal die Wogen glätten, bevor es wieder konstruktiv weiterging. Die Befürworter der Zentralisierung meinen, dass die Schulangebote dort besser strukturiert werden könnten (zum Beispiel mehr AGs, Schwimmunterricht etc.) und das Arbeiten für Lehr- und Fachkräfte verbessert würden. Die Kritiker der Zentralisierung sprechen von hohen Kosten für Schülerspezialverkehre und langen Wegen für die jüngsten Morsbacher. Außerdem befürchten sie massive Auswirkungen für die Orte, wenn die Schulen geschlossen würden – von Werteverfall der Immobilien bis zum Vereinsleben. Wolfgang Kreft (war für die SPD im Gemeinderat) ging so weit zu sagen: „Zwei Orte würden sterben!“. Er forderte zugleich, die Landesregierung und -politik auf die Morsbacher Problematik aufmerksam zu machen. „Wir müssen nach Düsseldorf, das ist der Weg“, sagte auch ein weiterer Morsbacher Bürger.
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[Die Schulpflegschaften Holpe und Lichtenberg hatten eine Petition für den Erhalt aller Standorte gestartet. Vor der Diskussion überreichten die Engagierten insgesamt rund 1.720 Unterschriften an Bürgermeister Jan Schumacher. 970 waren online zusammengekommen, rund 750 sammelte man auf Festen oder an den Haustüren in der Gemeinde.]
Bürgermeister Jan Schumacher ließ der Diskussion viel Raum und Zeit, und er zog einige Schlüsse. „Einen Konsens gibt es: Wir wollen alle das Beste für die Kinder.“ Nun stünden die unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen nebeneinander. „Das wird auch im Rat so sein“, ist er überzeugt. Für Politik und Verwaltung gelte es nun, „dass wir hoffentlich die optimale Lösung für die Kinder der Gemeinde finden“. Alle Anmerkungen, Fragen und Sorgen würden nun von den Schulentwicklungsplanern mitgenommen und bearbeitet. Die Ergebnisse wiederum sollen Politik und auch der Öffentlichkeit zugehen. Dann soll das Thema wieder in die politischen Gremien – und eine Entscheidung getroffen werden.