POLITIK

Kontroverse Meinungen zum Baugebiet

ls; 23.05.2021, 10:00 Uhr
Fotos: Philippe Piazza (Titel/ Textfoto1), Gemeinde Engelskirchen (Text 2), Klaus Noß (Text 3) Claus Wittke (Text 4) --- Ein Waldgebiet soll Wohnhäusern weichen - Das sorgt für Gesprächsstoff In Buschhausen und der gesamten Gemeinde.
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Kontroverse Meinungen zum Baugebiet

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ls; 23.05.2021, 10:00 Uhr
Engelskirchen - In Buschhausen sollen neue Häuser entstehen, was für Diskussionen in der Gemeinde sorgt - OA hat mit Beteiligten gesprochen.

Von Leif Schmittgen

 

Philippe Piazza (Foto) hat vor einigen Wochen eine Onlinepetition gegen das geplante Neubaugebiet in Engelskirchen-Buschhausen (OA berichtete) gestartet und bisher gut 700 Unterschriften von einheimischen, aber auch auswärtigen Bürgern gesammelt. „Ich wollte etwas für den Klimaschutz unternehmen“, sagt der 23-Jährige zu seinen Beweggründen. Rechtlich hat die Petition zwar keinen Einfluss, allerdings wünscht sich der Buschhausener, dass sich Gemeinderat und Verwaltung ausgiebig und kritisch mit dem Thema auseinandersetzen. In sechs Wochen soll die Petition beendet werden, Piazza hält sich aber eine Verlängerungsoption offen.

 

Was sagt die Gemeindeverwaltung?

 

Engelskirchens Bürgermeister Dr. Gero Karthaus (Foto) spricht sich im Namen der Verwaltung für das Vorhaben aus. Unter anderem findet eine ökologische und baurechtliche  Fachplanung für das Gelände statt. Gleichzeitig läuft die Antragstellung beim Regionalrat der Bezirksregierung zur Errichtung von geschätzt 70 bis 90 Bauplätzen. „Bei einem positiven Bescheid würden wir Planungen in Wiehlmünden und Osberghausen verwerfen“, so Karthaus. Die Waldfläche dort sei mehr als doppelt so groß wie der zu entbehrende Fichtenbestand in Buschhausen. Auch deswegen hofft der Bürgermeister auf grünes Licht aus Köln. Für eine Ansiedlung spreche die Liste der Interessenten. „Bis heute liegen der Verwaltung 110 Anfragen vor, dabei haben wir das Projekt nicht beworben."

 

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Bei möglichst geringem Flächenaufwand entstehe so maximaler Nutzen. Auch ökologisch mache das Wohngebiet in jedem Fall Sinn, da viele  Umweltgedanken mit in die Planung einfließen würden. Karthaus erwähnt unter anderem die Holzbauweise und Carsharing-Möglichkeiten. Spätestens im Herbst soll - unabhängig von der Petition - eine Bürgerbefragung zur konkreten Planung stattfinden, das sei bei jeder Flächenplanung üblich. „Wir werden das offen und ehrlich besprechen“, versichert Karthaus. Dabei sollen alle Interessen gehört werden. Nachdem das geschehen ist, könnte im nächsten Jahr der Startschuss fallen.

 

Was sagen die Anwohner?

 

Klaus Noß, Vorsitzender des Dorf- und Verschönerungsvereins „Dö-Stie-Bu“ (Dörrenberg-Siefelhagen-Buschhausen), steht dem Projekt offen gegenüber. Zwar zeigt er Verständnis für die Skeptiker, unter dem Strich sei das Baugebiet aber ein Gewinn für den Ort: „Junge Familien sollen die Chance haben, sich ihren Traum vom Eigenheim zu erfüllen“, sagt der Rentner, der beruflich in der Immobilienfinanzierung tätig war. Er weiß daher, dass Baufläche andernorts in der Gemeinde knapp ist und weist Gegner darauf hin, dass sie ihr Eigenheim einst auch auf der „grünen Wiese“ geschaffen haben.

 

 

Bedenken, dass Buschhausen im Verkehrschaos versinken könnte, wurden durch ein Gespräch mit der Verwaltung zerstreut, da keine weiteren Durchgangsstraßen, sondern Sackgassen geplant sind. Außerdem erhofft sich Noß Zuwachs für den derzeit etwa 220 Mitglieder starken Verein. Erfrischend findet er, dass kurz nachdem im Buschhausener Schaukasten für die Petition geworben wurde,  dort ein Immobiliengesuch (Foto) zu finden war.

 

Anne Zapp ist strikt gegen das Baugebiet. Als Hauptgrund zählt für sie nicht die Tatsache, dass ihr Grundstück unmittelbar an das Gelände grenzt: „Mir tun die Tiere leid, die ihr Zuhause verlieren, außerdem würde intakter Wald zerstört“, sagt Zapp. Zudem erwartet sie eine höhere Verkehrsbelastung auf der Zufahrtsstraße zum Ort, die von einem Bahnübergang gekreuzt wird. In Stoßzeiten werde es künftig zu Staus vor den Schranken kommen, befürchtet sie.

 

Enttäuscht ist Zapp von einem Gespräch mit Bürgermeister Karthaus, in dem ihre Argumente kaum gehört worden seien. Eines davon: Carsharing funktioniere im ländlichen Raum nicht und sei deshalb unökologisch. Ein kommunales Kaufangebot der Wiese hinter ihrem Haus hatte die Familie abgelehnt.

 

Was sagen die Naturschützer?

 

Claus Wittke, einer von drei Engelskirchener NABU-Sprechern und Mitglied im Umweltausschuss der Gemeinde, kann noch keine abschließende Bewertung für den Naturschutzbund abgeben und beruft sich auf seine persönliche Meinung. Er ist, weil aufgrund von Gutachten die Bodenfruchtbarkeit in Teilen als gut bis sehr gut eingestuft wird, gegen den Ausbau. Darüber hinaus hätte die Verwaltung bis heute nicht alle nötigen Referenzen wie ein Artenschutzgutachten vorgelegt. Gefährdete Arten könnten im betroffenen Gebiet vorkommen.

 

Auch wenn Fichten aus ökologischer Sicht nicht wertvoll seien, befänden  sich auch hochwertige Bäume auf der Fläche. Diese gelte es bei aktuell sowieso abnehmendem Waldbestand zu schützen. Abgestorbenes Holz diene Höhlenbrütern zudem als Unterschlupf. Der symbolische Akt der Gemeinde zur Ausrufung des Klimanotstandes spreche zudem gegen eine Rodung der Fläche.

 

Was sagt die Politik?

 

SPD-Fraktionschef Wolfgang Brelöhr sieht bei der Ansiedlung ein Plus für das Gemeindewachstum, denn die Bau-Möglichkeiten seien begrenzt. „Aufgrund der Lage sehen wir das Baugebiet als einmalige Chance zur Erweiterung“, sagt Brelöhr. Der Ründerother Bahnhof und das Ortszentrum befinden sich fußläufig entfernt, außerdem sollen in der Nähe medizinische Einrichtungen entstehen. Aus Sicht der SPD optimale Voraussetzungen für den Zuzug.

 

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Marcus Dräger ist ein Befürworter des Baugebiets, zumal parallel ein ökologisches Konzept in Arbeit sei. „Darin ist unter anderem vorgesehen, Holz beim Bau zu verwenden und die Restwärme der Firma Dörrenberg energetisch zu nutzen." Ärgerlich findet Dräger, wie sich nach einem Gespräch mit dem Initiator der Petition herausgestellt habe, dass rund die Hälfte der Unterzeichner nicht aus Engelskirchen stamme. 

 

„In Zeiten des Klimanotstandes passt eine solche Maßnahme einfach nicht“, teilt Helmut Schäfer von Bündnis 90/Die Grünen mit.  Auch wenn Engelskirchen eine der waldreichsten Kommunen des Landes sei, schwinde die Bewaldung durch Hitzesommer und Borkenkäferbefall drastisch. Somit sei auch ein mögliches Argument der Bezirksregierung, das Vorhaben wegen des großen Waldbestandes zu genehmigen, aus seiner Sicht nicht haltbar. Schäfer schlägt hingegen die Schließung von Baulücken vor, zudem sei die Sanierung von Wohnraum ökologischer als der Neubau von Häusern.

 

FDP-Sprecher Christopher Skerka findet Petitionen ein grundsätzlich gutes Mittel für die Mitbestimmung und eines jeden Recht, wenn es um die Wahrung von Interessen gehe. Der Rat wird sich nach seiner Einschätzung auch deswegen ausgiebig mit dem Thema auseinandersetzen. Abzuwarten bleibe die Entscheidung des Regionalrats. Sollte diese zugunsten des Baugebiets ausfallen, stehe die FDP hinter den Plänen. „Die Gemeinde muss wachsen, damit Schulstandorte und Steuereinnahmen erhalten bleiben“, so Skerka.

KOMMENTARE

1

Bauen auf der "grünen Wiese" ist nicht "holz den Wald ab und baue dahin!" Und wenn außerhalb der Gemeinde Menschen die Petition unterzeichnen zeigt das, das hier Interesse über die Gemeindegrenzen hinaus besteht den Wald zu erhalten.

Anwohner X, 23.05.2021, 11:15 Uhr
2

Wir, eine junge Familie mit 2 kleinen Kindern würden es begrüßen wenn in Engelskirchen die Möglichkeit besteht Häuser zu bauen. Anderenfalls werden wir in den Heimatort meiner Frau ziehen.

Daniel W., 23.05.2021, 12:47 Uhr
3

Wer in den 20-40ern hätte nicht gern seine eigenen vier Wände in Form eines EFH? Der Bedarf steigt, gerade (auch) bei den Großstädtern, die das Landleben immer mehr zu schätzen wissen. Ob dafür nun Buschhausen erschlossen wird oder Teile von Wiehlmünden bzw. Osberghausen, für Beide gibt es genügend pro und contra-Argumente.
Für mich stellt sich doch bei der ganzen Diskussion die Frage, was ist mit *bezahlbarem* Wohnraum für diejenigen, die sich eben nicht ein EFH leisten können. Was ist mit der Generation 50+, die jetzt schon an später denkt und gerne zentrumsnah und ggf. auch schon jetzt barrierearm/-frei Wohnen möchte?
Zwar wird gerade in Ek Zentrum derzeit immer mehr Mietwohnraum gebaut. Aber wer kann sich das tatsächlich finanziell leisten? Hier sollte (auch) dringend geplant werden.

B., 24.05.2021, 12:37 Uhr
4

Als gebürtiger Ründerother stehe ich den Planungen positiv gegenüber. Jenseits "Grüner" Ansichten soll der Plan für Eigenheime für junge Familien auf jeden Fall verfolgt werden.
Interessant wäre zu erfahren, wo und in welchen Verhältnissen die Gegner dieser Bebauung leben. Ländlich typisch wahrscheinlich im wohl gepflegten Eigenheim, oder? Mir sind jedenfalls keine Mietskasernen in Buschhausen bekannt. Frei nach dem Motto, Hauptsache mir geht es gut und nach mir die Sintflut? Und eine Petition, deren Unterschriften zu 50% von auswärtigen Menschen geleistet wurden, ist doch wohl geschmacklich als auch politisch die Lachnummer schlechthin.
Ich wünsche der Gemeinde und den bauwilligen jungen Familien viel Erfolg bei diesem Plan.

Thomas Hohleich-Albert, 24.05.2021, 13:08 Uhr
5

Mal wieder wird eine Holzplantage als Grund vorgeschoben, um Neubauten zu verhindern. Vermutlich insb. von denen, die schon ein Häuschen haben. Typisches NIMBY-Verhalten.

Hans Jünter, 25.05.2021, 06:05 Uhr
6

Die Mischung macht es doch.

EFHs gibt es genug. Diese werden oft von älteren Paaren oder Witwen/Witwern bewohnt, deren Kinder lange ausgezogen sind. Gibt denen senioren und behindertengerechten Wohnraum zu Miete oder Kauf. Die junge Generation freut sich bestimmt auch über Bestandsimmobilien.

Dann bräuchte EK dringend einen offiziellen Baulückenkataster ihn den sich interessierte Verkäufer und Käufer eintragen können.

Machen wir weiter mit dem Umbau von Leerstandgebäuden des Gewerbes und der Industrie in Wohnfläche.

Zu guter letzt darf dann gerne neues Bauland erschlossen werden.

Meier, 25.05.2021, 07:53 Uhr
7

Ich wohne nicht in Engelskirchen sondern in Gummersbach. Trotzdem habe ich die Petition unterzeichnet. Mir geht es um den Schutz der Natur -und ich bin KEIN Grüner!

U. Wirtz, 25.05.2021, 08:08 Uhr
8

Es ist ein grundsätzliches Problem, dass zu wenig Bestandsimmobilien saniert werden. Und immer werden Gründe dafür gefunden, Wald für Versiegelungen jedweder Art zu opfern . Mal ist es die Umgehungsstraße, dann wieder ein Baugebiet, oder der Kiesabbau. Das Problem ist der massive Flächenverbrauch in Deutschland, das kann in dieser Form nicht weiter betrieben werden. Und gerade aus Gründen des Klimaschutzes muss der Wald endlich einen besonderen Schutz erhalten. Woher soll nebenbei eigentlich das ganze Holz für die "ökologischen Holzhäuser" kommen, die ab sofort überall gebaut werden? Wir sägen immer weiter an dem Ast, auf dem wir sitzen...

Sabine von Winterfeld, 16.06.2021, 14:34 Uhr
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