LOKALMIX

Solidaritätswelle für Shayon

ks; 12.10.2021, 17:00 Uhr
Fotos: Frank Hottmeyer --- Die Spieler und Betreuer des SSV Homburg-Nümbrecht und des TuS Homburg-Bröltal hoffen auf eine Rückkehr von Shayon und seiner Familie.
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Solidaritätswelle für Shayon

ks; 12.10.2021, 17:00 Uhr
Nümbrecht - Nach der Abschiebung von Shayon und seiner Familie nach Bangladesch mobilisieren sich Freunde und Bekannte - Ein Spendenkonto ist eingerichtet.

Einen Streifenwagen samt Kleintransporter erblickte Abdoul Schwotzer-Conde vor seinem Wohnhaus, als er am Donnerstag vor zwei Wochen gegen sechs Uhr in der Früh aufstand, um sich für einen neuen Arbeitstag fertig zu machen. Der Familienvater geht raus, erblickt den achtjährigen Shayon und fragt, wohin die Familie fährt: „Shayon sagte, dass er es nicht weiß. Seine Mutter antwortete mir dann, dass sie zurück nach Bangladesch müssen.“ Ein Schock für Schwotzer-Conde, der den kleinen Jungen aus seiner Nachbarschaft tief ins Herz geschlossen hat: „Shayon ist wie ein Sohn für mich. Es hat mich sehr traurig gemacht, das sehen zu müssen. Ich konnte danach gar nicht zur Arbeit fahren.“

 

[Vor drei Jahren kam Shayons Familie nach Deutschland, seit Januar 2019 lebte sie in Nümbrecht. Sein zweieinhalbjähriger Bruder wurde hierzulande geboren.]

 

Shayon und seine Familie gehören zu der Volksgruppe der Rohingya. Hierzulande würden sie viele als „gut integriert“ bezeichnen. So hat Shayon beispielsweise eine Integrationsklasse besucht, Deutsch gelernt und mittlerweile am Unterricht der dritten Klasse der Gemeinschaftsgrundschule Nümbrecht teilgenommen.

 

„Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob er mit zum Fußballtraining gehen möchte. Dort hat er riesige Fortschritte gemacht und viel Spaß gehabt“, erzählt Schwotzer-Conde, der die U8 der SG Nümbrecht/Bröltal trainiert. Jeden Samstag habe der Achtjährige gemeinsam mit der Familie Schwotzer-Conde gefrühstückt, ehe es zu einer Partie auf den Fußballplatz ging. „Sonntags bin ich oft mit meinem Sohn und Shayon auf den Platz gegangen, um etwas zu kicken und zusätzliche Übungen zu machen“, erinnert sich der Trainer.

 

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Das Schicksal der Familie und insbesondere des Jungen ist bewegend. So sei seine Mutter verstorben, als Shayon gerade einmal zwei Monate alt war. Der Vater ist vor rund fünf Wochen untergetaucht. „Das ist ein ‚gängiges‘ Vorgehen“, weiß Nümbrechts Bürgermeister Hilko Redenius. Die Familie habe die Rechtsmittel gegen die Ablehnung des Asylantrags vollständig ausgeschöpft. „Wenn die Abschiebung unausweichlich ist, und das steht mit dem letzten Urteilsspruch schon vorher fest, versuchen die Asylbewerber, dadurch die Situation zu beeinflussen“, erklärt Redenius. „Ich habe Shayon immer wieder gefragt, ob er weiß, wo sein Vater ist – aber das wusste er nicht. Das Training hat ihn immer abgelenkt, aber sein kleiner Bruder hat seit dem Weggang des Vaters ständig geweint“, schildert Schwotzer-Conde.

 

Trotz des Verschwindens des Vaters wurde die Familie nach Bangladesch abgeschoben. Der Oberbergische Kreis erteilte auf Nachfrage keine Auskunft zu dem Fall – nur so viel: Dass die Behörde dazu verpflichtet sei, rechtskräftige Urteile zu vollstrecken. Nach erfolgter Abschiebung befindet sich Shayon mit seiner Stiefmutter (21) und seinem zweieinhalbjährigen Halbbruder in Dhaka. „Seine Stiefmutter ist vor Ort krank geworden“, weiß Frank Hottmeyer, der Shayon seit etwa eineinhalb Jahren kennt und ebenfalls mit ihm bei der SG Nümbrecht/Bröltal trainiert hat.

 

[Auch die 1. Herren-Mannschaft des SSV Homburg-Nümbrecht, die am Sonntag eine Partie in der Landesliga bestritten hat, solidarisiert sich mit Shayon und seiner Familie.]

 

Um den Dreien auch finanziell unter die Arme greifen zu können, hat Hottmeyer ein Spendenkonto eingerichtet: „Das Geld lassen wir der Familie zukommen, damit sie wenigstens Lebensmittel und Medikamente kaufen können.“ Laut Hottmeyer seien mittlerweile auch einige Politiker mit dem Fall vertraut, wozu neben dem Bundestagsabgeordneten Carsten Brodesser auch Bundesaußenminister Heiko Maas zählen. Hottmeyer und Schwotzer-Conde hoffen neben vielen weiteren auf eine Ausnahmeregelung: „Das sollte das Ziel sein.“

 

Auch Nümbrechts Bürgermeister Hilko Redenius ist der Meinung, dass die Familie insbesondere in persona der Kinder integriert sei und versucht, diesen Fall einzuordnen:

 

„Auch ich habe mit den Menschen aus dem Umfeld gesprochen – alle sehen diesen Fall als eine schwer verständliche, menschliche Tragödie an! Leider, im Sinne der jetzt Betroffenen, muss ich aber am Ende feststellen, dass ein Rechtsstaat sich an die eigenen Gesetze und vor allem auch an die juristischen Verfahren halten muss. Eine eventuelle Integration aufgrund eines langen Verfahrens ist nach unserem Asylrecht kein Asylrechtsgrund. Das Verfahren ist insgesamt – so wie ich es beurteilen kann – rechtsstaatlich korrekt gelaufen. Mit einer ‚Sonderverfügung‘ haben die Bundesministerien für tausende Afghanen ein Bleiberecht ausgesprochen. Deshalb kann auch in diesem Fall eventuell nur eine derartige Ausnahmegenehmigung des Bundes helfen. Es sind bereits mehrere Initiativen genau in diese Richtung initiiert.

 

Hier sind dann Bund und EU gefordert, schnell Abhilfe zu verschaffen. Die Asylverfahren müssen erheblich schneller rechtsstaatlich durchgeführt werden. Das Gleiche gilt für das Abschiebeverfahren. Hier sehe ich Bund und EU gefordert, die Verfahren durch Gesetze und Verordnungen zeitlich erheblich zu straffen. Wenn dies nicht geschieht, wird es immer wieder zu solchen menschlichen Tragödien kommen, wie jetzt in Nümbrecht. Rechtsstaatlich gesehen ist so eine Abschiebung völlig in Ordnung. Das System aber, das es dazu kommen lässt, dass sich ein Kind so integriert, um dann wieder herausgerissen zu werden, ist menschenunwürdig.

 

Ich stehe ohne Wenn und Aber zum Recht auf Asyl! Schutzsuchenden müssen wir Schutz gewähren! Aber: Wenn rechtsstaatlich kein Schutzgrund vorliegt, muss das Verfahren zur Rückführung auch konsequent in angemessener Zeit durchgeführt werden. Sonst werden wir auch in Zukunft immer wieder solche Situationen an vielen Orten in Deutschland erleben."

 

Spendenkonto bei der Volksbank Oberberg

IBAN: DE21 3846 2135 0112 040 030

BIC: GENODED1WIL

Kontoinhaber: Frank Hottmeyer

Betreff: Shayon Syed Arham